Botschafter der Stadt

13. Januar 2022 | Event

Die sechste Auflage des Art Weekend ist seit einigen Wochen Geschichte. 24 teilnehmende Galerien und Museen aus Nürnberg und Erlangen bieten seit 2016 der geballten Kunst- und Kulturlandschaft in der Region ein Podium. Den Dialog aufrechterhalten, Sprachrohr für die Künstler:innen sein, den Standort Nürnberg interessanter gestalten und die Lebendigkeit der Kunstszene zeigen. Aufgabe der Stadt? Sicherlich. Doch zeigt sich, dass ohne die Galerien, die hiesige zeitgenössische Kunstszene kein Schaufenster besitzt, sich dem kunstbegeisterten Publikum zu präsentieren.

Text: Daniel Wickel Bilder: Magdalena Kick

Gastgeber Klaus Bode vermittelt seit 35 Jahren Kunst. Seine Galerie inmitten der Lorenzer Altstadt neben der Kunsthalle fokussiert sich auf die Präsentation zeitgenössischer Positionen bis zu deutschen Avantgardisten, aktuell im Rahmen der Reihe „Sammelstücke“. Mit dabei auch das Künstlerkollektiv ARQUUS, das im vergangenen Jahr mit dem Regenbogenpräludium während der entscheidenden Phase der Kulturhauptstadtbewerbung einen neuen Diskurs entfacht hat. „Ich finde es total spannend, dass so junge Leute eine Diskussion aufbrechen, die so festgezogen ist“, erzählt er.

Ebenfalls seit über 30 Jahren, einst als Quereinsteigerin, aus der Galerieszene nicht mehr wegzudenken ist Annette Oechsner, die nach Stationen in München und Berlin ihre künstlerische Heimat im Atelier- und Galeriehaus Defet in St. Leonhard gefunden hat „pas de peur – Keine Angst“ heißt die nächste Ausstellung, die ab Ende November die Arbeiten der Wahlfürtherin Susanne Roth zeigt. „Kunst und Kultur rechnet sich nicht, zahlt sich aber aus“, lacht sie, als sie von ihrer Passion zur Kunst spricht. Claudia Jennewein vom KunstKontor ergänzt: „Wir sind Vertreter von denen, die kostenlos für die Stadt Nürnberg Kulturarbeit leisten“. Die 61-jährige ehemalige Lehrerin und Autorin gründet 2013 unweit der Nürnberger Burg in einem mittelalterlichen Handelshaus eine Galerie und zeigt jährlich in etwa fünf bis sechs Ausstellungen vorwiegend minimalistische Kunst. Nur wenige hundert Meter entfernt ist Laurentiu Feller seit drei Jahren zuhause, der selbst von der Malerei kommt und schmunzelt: „Ich habe vor 18 Jahren mit meiner Galerie begonnen, nachdem ich erkannt habe, dass es doch sehr viele bessere Künstler als mich gibt“. Die ersten Hinterhofflohmärkte, der GOHO-Guide, der supermART oder auch die Ateliertage, vieles bleibt mit seinem Namen verbunden.

Gastgeber Klaus Bode, Annette Oechsner, Claudia Jennewein und Laurentiu Feller (v.l.n.r.)

Die Gesprächsrunde in der Bode Galerie

„Nürnberg hat hervorragende zeitgenössische Kunst zu bieten, lockt stattdessen aber immer noch mit Dürer, Bratwurst und Lebkuchen“, erläutert Laurentiu Feller das Problem der lokalen Kulturlandschaft. Dort, wo Städte wie Berlin und München sowohl überregionale Künstler:innen als auch Besucher:innen anlocken, ist die Noris zu klein bzw. macht sich zu klein. „Wir würden uns eine visionäre Kulturpolitik wünschen“, gibt Annette Oechsner zu, und Klaus Bode ergänzt „Ich habe Münchener Kunden, die finden Nürnberg richtig toll. Alles fußläufig, gute Gastronomie und charmante Galerien“.

Veranstaltungen wie das Art Weekend und die alle zwei Jahre stattfindende Rathausart, die als Zeichen der Unterstützung für die örtliche Galerieszene ins Leben gerufen wurde, locken stets lediglich regionale Besucher. „Gerade Galerien haben einen Bildungsauftrag, sind Botschafter der Stadt. Leider wird sowohl zwischen den Galerien zu wenig kommuniziert, als auch mit den städtischen Institutionen“, bemängelt Laurentiu Feller, der aktuell in seinem Raum für zeitgenössische Kunst seine nächste Ausstellung mit Tapeartkünstlerin Evi Kupfer und Urban-Art-Künstler Daniel Cojocaru vorbereitet. „Uns alle treibt die Passion, sich mit Haut und Haaren der Kunst zu verschreiben. Es ist wahnsinnig wichtig, dass die Kunst mich berührt und fremde Kulturen verbindet. Wir bringen Nürnberg zu einem anderen Aspekt statt nur Bratwurst und Dürer. Nürnberg hat deutlich mehr zu bieten“, veranschaulicht Klaus Bode, der schon seit 15 Jahren auch eine Niederlassung in Südkorea hat, die eine Art Brücke zwischen zwei Kulturkreisen bildet.

Vertrauen

Um sich in der Galerielandschaft in Nürnberg neu und anders aufstellen zu können, ist Claudia Jennewein die Idee gekommen, Kunst und Kulinarik zu verbinden, und so werden alle drei Monate die Künstler:innen und Kunden zum Essen in die Galerie eingeladen. „Ich habe damals beim ersten kunst-kulinarischen Essen für 30 Personen gefühlt drei Tage und Nächte gekocht“, lacht sie und ergänzt: „Heute habe ich das Glück, dass fünf Männer aus der hiesigen Wirtschaft für mich kochen. Ich bekomme nur noch diktiert, was ich einkaufen muss, und die fünf machen Party in meiner Küche“. Diese intensive Kundennähe ist nicht nur bei Claudia Jennewein ein Rettungsanker gewesen in den letzten 18 Monaten. „Kunstkauf ist Vertrauenskauf“, sind sich Annette Oechsner und Klaus Bode einig, und Laurentiu Feller lacht: „Das wichtigste jedoch war die Telefonnummer im Schaufenster, dass sich die Leute melden“. Die Kunstbegeisterten aus der Region wissen, bei wem sie gute zeitgenössische Kunst erwerben können.

Gedanken

Die Plätze für die Künstler:innen sind jedoch begrenzt durch den Wegfall der Ateliers auf AEG seit Ende Juni dieses Jahres. „Für jede neu gebaute Wohnanlage auch ein neues Atelier“, schlägt Annette Oechsner vor, und hätte sich die Kulturbürgermeisterin Professor Dr. Julia Lehner nicht so stark gemacht für den neuen Künstlerstandort Tillystraße, hätten viele der regionalen Künstler:innen keinen Arbeitsplatz mehr. „Um eine lebendige Kunstszene zu haben, brauchst du Mitspieler und Geld“, gibt Annette Oechsner zu Bedenken und schlägt ein überregionales Art Weekend vor. Ein Titel Kulturhauptstadt hätte sicher geholfen, doch strukturelle Probleme wären dennoch geblieben. „Vielleicht sollten wir uns in Nürnberg mehr unterhalten. Einen Verein der Galerien gründen, damit wir ein Sprachrohr für die Ängste, Sorgen und Wünsche der regionalen Künstler:innen haben“, rät Klaus Bode. Auch Möglichkeiten, Kunst im öffentlichen Raum oder auf Pop-Up-Flächen zu präsentieren, muss einfacher werden, um der freien Szene, die aufgrund der pandemischen Lage finanziell arg gebeutelt ist, kurzfristig zu helfen. „Die Kulturpolitik muss sich ändern. Ein gemeinsamer Dialog muss her“, ist die einhellige Meinung bei den vier Galerist:innen. Sind sie doch die Botschafter dieser wunderschönen Stadt.

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