Kreuzgangspiele Feuchtwangen

7. Juli 2021 | Event

Ein Theaterbesuch ist auch für regelmäßig aktive Kulturinteressierte oder Theater-Abonnenten kein alltägliches Ereignis. Das ganze Drumherum mit Vorbereitungen, mit dem Aus-dem Haus-Gehen, der gepflegte Rahmen eines Theaters und dann die Live-Performance der Akteure – dies sind alles Mosaiksteinchen für einen besonderen Abend. Ein Schauspiel oder Musik im Freien zu erleben, hat eine ganz besondere Qualität. Ob es ein Open-Air-Konzert ist oder eine Aufführung auf einer Freilichtbühne – sie sorgen allemal für einen tiefen und bleibenden Eindruck. Neben etlichen kleineren Freilichtbühnen gibt es in Bayern zwei herausragende Freilufttheater, die neben einem tollen Ambiente auch echte Festspielatmosphäre präsentieren können:
die Luisenburg im Fichtelgebirge-Felsenlabyrinth und vor allem in Mittelfranken die
beliebten Kreuzgangspiele von Feuchtwangen.
Text: Till Ochner
Wie sehr die Corona-Beschränkungen den gesamten Kulturbetrieb mitsamt allen Kulturschaffenden seit einem Jahr ausbremsen, teilweise bis ans Existenzlimit bringen, ist schon häufig kommuniziert worden. Dass Sicherheitsvorkehrungen berücksichtigt werden müssen, ist selbstverständlich. Nicht nachvollziehbar ist jedoch, dass bisher nie zwischen einem geschlossenen Zuschauerraum und einem Freilufttheater differenziert wurde. Umso verwunderlicher liest sich daher eine Pressemeldung aus dem Bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die kürzlich veröffentlicht wurde. Darin fordert Kunstminister Bernd Sibler: „Kulturbegegnungen in diesem Sommer dort möglich zu machen, wo es geht. Unser Freistaat ist Kulturstaat. Das wollen wir von Juni bis September wieder ganz bewusst leben: mit vielfältigen Veranstaltungen vor allem im Freien und klugen, verantwortungsvollen Sicherheitskonzepten. Mir ist es ein Herzensanliegen, Kunst und Kultur für Besucherinnen und Besucher wieder direkt erlebbar, spürbar, sichtbar zu machen.“ Mit dem Projekt „Bayern spielt“ werden Kommunen aufgefordert, Auftrittsmöglichkeiten auf Freiflächen zu schaffen. Sibler: „Helfen Sie mit, dass in ganz Bayern möglichst viele Freiluftbühnen entstehen.“

Seit 72 Jahren macht Feuchtwangen mit seinen Kreuzgangspielen nichts anderes als Freilufttheater. Und nun dieser Aufruf.

Zwischen Hoffen und Bangen.
Bild: Nicole Brühl

Das Sams von Paul Maar begeistert Groß und Klein.
Bild: Forster

Freilichtbühne seit 72 Jahren bedeutet, dass 1949, also nur vier Jahre nach Kriegsende, mit Goethes Faust im historischen Klosterkreuzgang die Feuchtwanger Open-Air-Schauspieltradition begann. Namhafte Theaterpersönlichkeiten als Intendanten wie auch als agierende Schauspieler prägten dieses lebendige Bühnenleben. Mehrere Shakespeare-Dramen kamen damals ebenso auf die Bühne wie „Die Dreigroschenoper“, „Die Nibelungen“ und „Der Schinderhannes“, aber auch „Der Glöckner von Notre Dame“ oder „Der Name der Rose“ wussten zu begeistern. Eine zweite Spielstätte gleich nebenan im Nixel-Garten wurde 2009 eröffnet und steht seitdem vor allem Kinderstücken oder Aufführungen für die Jugend zur Verfügung.
Festspielstadt Feuchtwangen, dieser Name hat einen guten Klang im Reigen der bedeutenden, traditionsreichen europäischen Festspielorte. Bis zu 50.000 Zuschauer erlebten jedes Jahr die einmalige Theateratmosphäre im Geviert des romanischen Kreuzgangs. Bis zum Jahr 2020 funktionierte der ambitionierte Festspielbetrieb kontinuierlich. Dann aber kam die Pandemie. Vom ersten Corona-Jahr berichtet Dr. Maria Wüstenhagen, Dramaturgin der Kreuzgangspiele und Leitung des städtischen Kulturbüros: „Unser Hygienekonzept hat sich von Anfang an bestens bewährt. Reduzierte Besucherzahlen, Abstände, Maske mit Ausnahme vom Sitzplatz, ständige Testungen mit einem Arzt und sämtliche relevanten Hygieneregeln sorgten für einen sicheren Spielbetrieb. Proben waren allerdings verboten, und so konnten wir nur ein Sonderprogramm aufführen mit sieben Stücken nach dem Dekameron sowie für die jungen Zuschauer mit einer Kinderrevue. Gerade einmal sieben Wochen konnten wir im vergangenen Jahr unser Notprogramm spielen und brachten dennoch rund 100 Termine und 20 Kinderaufführungen zustande.“

Die größeren Produktionen, die fürs Jahresprogramm geplant waren, mussten auf 2021 verschoben werden. „Bram Stocker’s Dracula“, „Ende gut, alles gut“ von Shakespeare, Schillers „Räuber“, „Das Sams“ von Paul Maar sowie „Frederick“ von Leo Lionni stehen neben weiteren Angeboten in den Startlöchern und warten nur auf grünes Licht aus München. Dazu Dr. Maria Wüstenhagen: „Durch die jüngsten Beschlüsse der Bayerischen Staatsregierung, die die Öffnung von Theatern zumindest ab einer stabilen Inzidenz unter 100 Neuinfektionen in 7 Tagen pro 100.000 Einwohner*innen in Aussicht stellen, gibt es wieder etwas mehr Hoffnung: Hoffnung auf Kultur, auf Theater und Konzerte und die Hoffnung auf eine Sommerspielzeit der Kreuzgangspiele 2021. Diese beginnt nach aktueller Planung am 3. Juni mit der Premiere von Bram Stokers „Dracula“ im Kreuzgang. Die Mai-Termine allerdings mussten leider abgesagt werden, weil die derzeitige Corona-Situation, die Zahlen und Inzidenzen noch zu unabsehbar sind, so dass konkrete Vorhersagen und Planungen schwierig bleiben.“

Mit hoffnungsvollem Blick nach vorne fügt die Dramaturgin an: „Wir wollen allen Menschen, die dann nach Feuchtwangen kommen, ein Theater zeigen, das jedem etwas bietet, das sommertheaterlich-leicht ist, auch unterhaltsam sein kann, das aber zugleich die Gesellschaft im Blick und einen sehr hohen künstlerischen Anspruch hat. Die Kreuzgangspiele sind ein Theater für alle.“

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