„Crossing Borders“

13. Juli 2022 | Life

Louis Vuitton tut es. Prada, Armani, Zegna und Kostas Murkudis ebenso. Sie gehen auf Tuchfühlung mit moderner Kunst. In eigens errichteten Museen oder in Form von Stiftungen. In Nürnberg wagen nun vier Galerist:innen die Annäherung beider Genres: Unter dem Titel „Crossing Borders“ präsentieren sie vom 14. bis zum 23. Juli im Modetempel Breuninger zeitgenössische Kunstwerke – ist die Liaison von Kunst und Mode doch so anziehend wie exquisit.
Text: Anabel Schaffer
Was soll das denn! Ist das Kunst?!“ Mal ehrlich: Wer hat sich das, angesichts moderner Kunst, noch nicht gedacht. Und wer gibt schon gerne zu, dass er zum Eindenken mehr Information bräuchte, als bei der Betrachtung von Monets Seerosen oder Dürers Feldhasen. Sich Neuem vorbehaltlos zu öffnen, erfordert Mut; wenn es auch nur bedeutet, sich als Kunst-Betrachtender in seinem Unwissen zu outen. Doch wie aufrüttelnd kann das sein! Um dieses Erlebnis zu ermöglichen, haben sich ­Claudia Jennewein, Annette Oechsner, Klaus Bode und Laurentiu Feller entschieden, mit „Crossing Borders“ den Schritt über Galerie-Grenzen hinaus zu wagen.

Le Souper

Und so betritt die Kunst, umgeben von Mode, im zweiten Stock des Fashiontempels den Catwalk. Claudia Jennewein schickt die Fotografin Estelle Lagarde auf den Laufsteg der Kunst. Die in Paris arbeitende Künstlerin lässt sich von verlassenen Orten (Lost Places) inspirieren, schreibt Drehbücher, engagiert Darsteller und kostümiert sie oppulent. Das Ergebnis: inszenierte Fotografie, die von vergangenen Zeiten, von Beziehungen zu anderen und zu sich selbst erzählt. „Der Mode-Aspekt in ihrem Werk ist offensichtlich“, macht Jennewein neugierig, „diese Werke sind schlicht ein Augenkitzler!“

Bild: Estelle Lagarde

Estelle Lagarde

Geb. 1973 in Chatenay-Malabry, lebt und arbeitet in Paris. Seit 2004 fotografiert die Künstlerin „lost places“ und beschäftigt sich mit der Geschichte dieser Gebäude. Nach einer Periode der Schwarz-Weiß-Fotografie wendet sie sich der Farbfotografie mit dem Zyklus „Femmes intereures“ zu. Inspiriert vom jeweiligen Ort inszeniert Lagarde mit kostümierten Darstellern kleine fiktive „Stories“. Sie schafft also inszenierte Fotografie. Ihre Fotos erzählen vom Ein- und Abtauchen in vergangene Zeiten, von Beziehungen zu Anderen und zu sich selbst …

Tape Art

Hin und weg ist Laurentiu Feller, spricht er über die künstlerische Entwicklung der 1983 in Forcheim geborenen Evi Kupfer. „Sie gilt als eine der Tape-Art-Pionierinnen in Europa!“ ­Tape-Art? Stellen sie sich ein Landschaftsaquarell vor. Entstanden ist es allerdings nicht durch Pinsel und Farbe, sondern durch geklebte Tapes. Fast unglaublich? Stimmt. Und je stärker sich die Farbpalette der Tapes entwickelt, desto mehr wirkt Kupfers Kunst wie impressionistische Malerei. Inzwischen setzt im Werk der Künstlerin, die auch als freie Grafikerin für Adidas arbeitet, eine gewisse Abstraktion ein. Ein Rat für die Betrachtung? Bleiben Sie bewegt! „Erst, wenn die Menschen nah heran gehen, entdecken sie, dass es keine Farbe ist“, betont Feller. „Das ist meist ein Anlass, um ins Gespräch zu kommen.“

Bild: Evi Kupfer

Evi Kupfer

ist 1983 in Forchheim geboren und gilt als eine der Tape-Art Pionierinnen in Deutschland. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie mit diesem sehr besonderen Material und entwickelt sich immer noch weiter. Von anfänglicher Farbbegrenzung bedingt durch die Limitierung der Elektro-Tapes (rot, blau, gelb, schwarz und weiß) war die Arbeit eher graphisch gehalten, auch weil sie Kommunikationsdesign an der Georg-Simon-Ohm Hochschule, Nürnberg inzwischen studiert hat. Aktuell ist ihr Repertoire erweitert und die Farbpalette bunter, auch weil es heute eine schier unbegrenzte Farbauswahl an Tapes gibt. Über die Jahre hat sie ihre Technik stets verfeinert – ihr Werk wirkt heute beinahe, wie impressionistische Malerei und derzeit setzt eine gewisse Abstraktion ein. Sie arbeitet und lebt in Nürnberg.

EP153 „Diamant“

Ein Kitzeln verspüren die Betrachtenden auch bei den feinen Präziosen von Gerhard Mayer, allerdings am Luxusnerv: Edelsteinmotive sind das Thema seiner neuen Werkserie. Mit Öl auf Aluminium lotet der in Nürnberg lebende Künstler Struktur, Farbe, Form, vor allem aber die Lichtbrechung von Edelsteinen aus. Durch Mayers besonderen „Schliff“ funkeln die kleinen Arbeiten um die Wette. „Bisweilen macht seine Malerei den Eindruck, als wäre sie mit PC-Unterstützung entstanden; doch sind es gemalte Linien, die übereinander liegen“, beschreibt Annette Oechsner die verblüffende Wirkung. Doch Mayer kann nicht nur klein: „Er gestaltet ein Treppenhaus ebenso wie eine Hausfassade.“

Bild: Foto Studio Gerhard Mayer

Gerhard Mayer

Der Maler und Zeichner Gerhard Mayer (geb. 1962 in Mittenwald) transformiert systematisch, mit Vehemenz, leidenschaftlichem Geist und Können – im digitalen Zeitalter in enormer Fülle verfügbares Bildmaterial – in seinen ganz eigenen, künstlerischen Kosmos. Wie schon in früheren Werkreihen spiegeln die neuen Bilder Mayers Auseinandersetzung mit Materie, Raum und Zeit sowie dem Wechselspiel zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und künstlerischer Transformation wider. Mit unterschiedlichen bildnerischen Mitteln zerlegt er systematisch Räume, sprengt sie regelrecht, um diese dann in den Edelsteinbildern mit neuer Identität – Facette für Facette – wiederaufzubauen. Er öffnet und schafft durch gezielte Lichtregie imaginäre Räume mit teilweise unendlich wirkender Tiefe und verführerisch funkelnden Farboberflächen.

20 S 10 P

Die neueste Position im Portfolio seiner Galerie möchte Klaus Bode auf dem Kunst-Catwalk sehen: Alain Clément. Der 1941 in Neuilly-sur-Seine geborene französische Maler, Bildhauer und Grafiker ist seit den 80er Jahren als abstrakter Künstler international bekannt. „Clément komponiert zweidimensionale Formen wie Flächen und Linien in kräftigen Farben auf Papier. Zunächst verweisen seine Werke auf eine formalistische Ästhetik; auf den zweiten Blick aber erkennt man organische, fast sinnliche Motive“, beschreibt Bode den Grenzgänger zwischen Figuration und Abstraktion. Hier gilt es also, sich auf Abstraktes einzulassen.

Bild: Alain Clément

Alain Clément

ist ein französischer Maler, Graphiker und Bildhauer. Ab den 80er Jahren ist Clément international als abstrakter Künstler bekannt. Er ist unter anderen in den Sammlungen des Centre Pompidou und der Kunsthalle Hamburg vertreten. Die Werke des Künstlers zeigen freie Flächen, leuchtende Farben und rhythmische Linien. Der erste Eindruck des Formalismus scheint bei Betrachtung dem Erkennen von organischen, wiederkehrenden Formen zu weichen. Clément ist ein malerischer Grenzgänger, trotz der eigentlichen Abstraktion scheinen des Künstlers Sujets in der Wirklichkeit zu verweilen.

Welten vereinen

„Der Titel ist Programm“, beschreibt Klaus Bode (Bode Galerie) das Projekt. „Es ist eine Grenzüberschreitung – Kunst und Konsum vertragen sich häufig nicht. Unsere Galerien sind von Breuninger zumeist nur einen Steinwurf entfernt; und doch sind es andere Welten.“ Vier ganz unterschiedliche Vertreter:innen zeitgenössicher Kunst werden über eine Woche bei Breuninger zu erleben sein. Welche Ziele die Galerist:innen damit verbinden?

Laurentiu Feller (raum für zeitgenössische kunst) überlegt keine Sekunde: „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sind. Ich sehe dieses Projekt als eine weitere Etappe im Sensibilisierungsprozess, zeitgenössische Kunst in der Stadt sichtbar zu machen; zu zeigen, dass Nürnberg auch ein modernes Gesicht hat.“ Natürlich, gibt Claudia Jennewein (Galerie KunstKontor) lachend zu, erwarte sie auch, „dass neues Publikum meine Galerie entdeckt!“ Das gilt für sie alle. Doch da ist ein noch tieferer Aspekt: „Das sich gegenseitig ,nicht in die Karten gucken lassen wollen‘ durchbrechen wir mit unserer Aktion ebenfalls.“ Klar, man kennt sich. Von der RathausART oder dem Art Weekend Nürnberg. Doch dieses Projekt benötigt besonderes Vertrauen unter den vier Galerie-Protagonist:innen – und birgt Zukunftspotential. „Wir sollten uns nicht verstecken“, betont Annette Oechsner (Oechsner Galerie), „sondern die Kunst zu den Menschen bringen, die von uns noch nichts wissen.“

Vertiefende Informationen? „Dafür ist gesorgt“, verspricht Bode lächelnd, schließlich soll Kunst zur Kommunikation anregen. Ein Aspekt, der auch für Breuninger-Geschäftsführer Henning Riecken Bedeutung hat: „Unser Geschäft hat sich verändert, wir bringen Leute zusammen. Es geht nicht nur um Modeverkauf, sondern auch um Kommunikation. Unsere Kunden kommen aus der ganzen Region und wir bemühen uns, dass sie zu Nürnbergfans werden.“ Etwas mehr zeitgenössische Kunst würde er sich wünschen; samt guter, aber nicht belehrender Erklärung für einen leichten Zugang. Wie bei „Crossing Borders“? „Die Aktion ist sowohl Test als auch Statement für die Kunden, zudem ein Angebot, tiefer einzusteigen.“

Big Data

Im „raum für zeitgenössische kunst.laurentiu feller“ erlebt man Sebastian Hertrichs Spagat zwischen Tradition und Moderne: Filigrane, gleichzeitig imposante Skulpturen und Marketerien (Einlegearbeiten) aus Computerplatinen, Epoxidharz und geschnitztem Acrylglas transportieren Themen wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz.

Bild: Sebastian Hertrich

Sebastian Hertrich

ist geboren 1985 in Halle / Saale und ist bekannt für seine filigranen und gleichzeitig imposanten Skulpturen und Marketerien aus Computerplatinen, Epoxidharz und geschnitztem Acrylglas. Nach dem Gesellenbrief Holzbildhauerei Oberammergau 2008 hat er Freie Kunst BAUHAUS-UNIVERSITÄT Weimar mit Diplom (Liz Bachhuber) 2015 absolviert. Aktuelle Themen wie Kommunikation, Digitalisierung, oder KI sind fester Bestandteil seiner Arbeit und haben im Laufe seiner künstlerischen Tätigkeit Holz als Werkstoff abgelöst. Er schafft mit seinem Werk einen wunderschönen Spagat zwischen Tradition und Moderne und übt gesellschaftskritischen Umgang mit der stetig wachsenden Digitalisierung der Welt. Hertrich ist Preisträger verschiedener Kunstpreise (u.a. Phönix, NN, Art-Figura) und vertreten in zahlreichen Sammlungen (u.a. Neues Bauhaus Museum, Kunstmuseum Erlangen, Lindenau Museum). Er lebt und arbeitet als freiberuflicher Künstler in Nürnberg.

Blau Variationen 1956

Die „Bode Galerie“, Nordbayerns einzige Galerie mit internationaler Niederlassung (Süd-Korea), überrascht mit dem Begründer der deutschen Moderne, Max Ackermann. Der gebürtige Berliner (1887) gilt als Wegbereiter der abstrakten Malerei. Die vom deutschen Kulturfonds geförderte Ausstellung zeigt 82 Werke – dreimal wird bis Ende Juli aus Platzgründen umgehängt.

Bild: Bode Galerie

Max Ackermann

Der Avantgardist Max Ackermann gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der deutschen Moderne und der abstrakten Malerei. Von Anfang an begegnen sich in seinen Werken malerische und graphische Elemente, seine Überlegungen verfolgen die Ausgewogenheit der kreierten Komposition, welche statische und dynamische Elemente in sich vereint. In seinem facettenreichen Oeuvre findet man frühe Überlegungen zu maßgeblichen Stilen des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise dem Informel.

„‚Rose Souvenir de Baden-Baden‘ im Atelier des Künstlers, Paris 2019“

Annette Oechsner, als einzige mit ihrer 2006 gegründeten „Oechsner Galerie“ in der Gustav-
Adolf-Straße 33 nicht in der Innenstadt verortet, zeigt brandneue Fotoarbeiten von Thilo Westermann. Er hatte sich mit feinster Hinterglasmalerei von Pflanzen- und Blütenmotiven einen Namen gemacht – nun verbindet er eigene Fotos von fremden Räumen mit anderen Werken aus seinem Oeuvre.

Bild: Thilo Westermann

Thilo Westermann

Souvenirs – Ausstellung bis 30. Juli 2022

In der Ausstellung „Souvenirs“ des Künstlers Thilo Westermann stehen ältere Werke neu geschaffenen Bildern gegenüber. Daneben wird eine Auswahl der Briefe gezeigt, die Westermann seit 2018 an die Adoptivtochter Napoleons und ehemalige Großherzogin von Baden, Stéphanie de Beauharnais (1789–1860), schreibt, als ob diese eine noch lebende Kunstsammlerin sei, die er über sein Schaffen auf dem Laufenden hält. Wie die Briefe fixieren auch die Bilder den Moment ihres Entstehens. Sie sind Zeitdokumente, die dem Künstler rückblickend als Souvenirs gelten, denen wiederum neue Bilder entspringen können.

Der Gordische Knoten 21-10

Sind das Seile? In der „Galerie KunstKontor Jennewein“ verblüfft Till Augustin – und bildet einen krassen Kontrast zum Werk von Estelle Lagarde im Konsumtempel. Der in Nürnberg lebende und europaweit gefragte Bildhauer kreiert unter anderem Skulpturen aus armdicken Stahlseilen. Wie das funktioniert? Das Geheimnis liegt in der Behandlung des Materials …

Bild: Till Augustin

Till Augustin

geb. 1951 in Bernried/Starnberger See
Der Nürnberger Bildhauer schafft neben seinen Werken aus Verbundglasblöcken auch Skulpturen aus oft armdicken Stahlseilen. Im aufwendigen Prozess der Feuerverzinkung werden diese starr und absolut unbeweglich. Vorher gibt der Künstler den Skulpturen ihre Form. Er schichtet sie übereinander, verflicht sie oder rollt sie auf. Till Augustin wird von Galerien in Frankreich, der Schweiz, Österreich vertreten und auf zahlreichen Messen gezeigt.

Gallery Walk

So geben am 15. und 16. Juli exklusive Führungen (Gallery Walk) Einblicke in das Gesamtprojekt, das noch mehr umfasst, als die Präsentation im Modehaus. Offerieren die vier – in ihrem Programm recht unterschiedlich positionierten – Galerist:innen in ihren Räumen für „Crossing Borders“ doch eine weitere Überraschung. Schon mal über die Galerie-Schwellen spitzen? Los geht ’s!

Nach diesem Gallery Walk nähern Sie sich moderner Kunst künftig vermutlich mit verstärkter Neugier. Erfragen Hintergründe, diskutieren vielleicht mit anderen, mögen die Werke – oder eben nicht. Denn die letztlich entscheidende Frage in der Kunst wie in der Mode bleibt doch stets: Berührt mich, was ich da sehe?

Exklusive Führungen

Freitag, 15. Juli: 18 Uhr
Samstag, 16. Juli: 11 und 16 Uhr
Start: Breuninger, 2. OG
Anmeldung: sabine.planetorz@breuninger.de

Geleitet von Johanna Kläver und Stephanie Oschmann

Anzeigen

Gut Wolfgangshof Highlight Concerts AOK Oechsner Galerie Autohaus Wormser Falkensteiner Spa Resort Marienbad