Erlebnis Weinberg – Weinanbau einmal anders

26. November 2020 | Life

Genuss: Das ist für Walter Moßner ein feiner Müller Thurgau und ein passender Käse. Genuss bedeutet für ihn zudem zu wissen, woher die Lebensmittel kommen und wie sie hergestellt werden. Zu guter Letzt bedeutet Genuss für den 66-jährigen Fürther eine nette Gemeinschaft und gute Gespräche unter Gleichgesinnten. All das zusammen ergibt das Projekt „Erlebnis Weinberg“, das Moßner bereits vor 15 Jahren ins Leben gerufen hat und das in diesem Jahr Jubiläum feiert. Das Konzept ist einfach: Unter dem Motto „Wie geht Wein?“ stellt jedes Jahr ein anderer Winzer seinen Weinberg und sein Wissen Walter Moßner und rund 30 weiteren Weinliebhabern zu Verfügung, die sich unter Anleitung für ein Jahr als Hobbywinzer versuchen dürfen und sich im Gegenzug dazu verpflichten, 90 Flaschen Wein abzunehmen – mit eigenem Etikett.
Text: Ari Fitzgerald
Begonnen hat alles mit einem Wettbewerb des fränkischen Weinbauverbandes. 2003 suchte der einen schönen Slogan für den Franken-Silvaner. „Der mit der Sonne tanzt“ textete Moßner und erhielt drei Wochen später die Nachricht über seinen Gewinn. Nicht nur seinen Slogan durfte Moßner fortan auf den Etiketten lesen, er selbst fand sich als stolzer Besitzer eines 1.000 Quadratmeter großen Weinbergs für ein Jahr wieder. Inklusive des Ertrages von rund 1.000 Flaschen. „Und was muss ich dafür machen?“, habe er damals wissen wollen, erzählt Moßner. „Gar nichts“, lautete die Antwort. Womit sich der glückliche Gewinner aber nicht begnügen wollte: „Ich bin im Schnitt bestimmt alle zwei Wochen zu meinem Weinberg gefahren!“, erinnert sich Moßner mit einem Lächeln. „Ich habe mitgeholfen, wo ich mithelfen konnte und gelernt, was ich lernen konnte. Einmal habe ich sogar auf meinem Weinberg übernachtet“, lächelt er. Unter freiem Himmel. „Da ist nachts ganz schön viel los, da kommen Hasen und Rehe und irgendwann auch die Mäuschen.“ „Auf meinem Weinberg habe ich in diesem Jahr die Liebe zum Wein entdeckt“, sagt Moßner. Doch auch das schönste Jahr geht irgendwann zu Ende. Ob er dem Wein treu bleiben werde, sei er bei der Übergabe seiner 1.000 Weinflaschen gefragt worden. Und Moßner antwortete: „Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, einen Weinberg zu pachten, aber das ist bestimmt viel zu teuer.“

Die Idee war geboren und begeisterte Winzer fanden sich auf Anhieb, die ihre Weinberge für das Projekt „Erlebnis Weinberg“ zur Verfügung stellen wollten. Das Telefon klingelte Sturm und Moßner suchte nach den ersten Teilnehmern. Wer sich für das Projekt anmeldet, hat einiges zu tun: Ein sog. Rebenfahrplan gibt zwischen fünf und sechs Haupttermine vor. Mit dem Rebschnitt im Februar oder März beginnt das Jahr als Hobbywinzer, der „Niederfall“, eine Art Erntedankfest der Winzer, bildet den Abschluss. „Das müssen wir in diesem Jahr aufgrund von Corona leider ausfallen lassen, aber wir wollen es im Frühjahr nachholen“, sagt Moßner. Zwischen den Hauptterminen wird der eigene Jungwein natürlich auch noch besucht und verkostet.

Egal ob Rebschnitt, Triebkorrektur, Lese oder das Abfüllen – jeder Teilnehmer macht begeistert mit. Er selbst ist jedes Jahr ebenfalls gelehriger Schüler. Seit 15 Jahren lerne er dabei immer wieder Neues. „Gerade ist die Lese der Rebsorte Bacchus zu Ende gegangen und wir haben gelernt, dass trotz des Begriffs der sogenannten Edelfäule dennoch jede noch so kleine schimmelige Stelle sorgfältig weggeschnitten wird, damit der Geschmack nicht verfälscht wird.“

Walter Moßner bei der Lese.
Bild: Karlheinz Haltner
Bild: Walter Moßner
Nach so vielen Jahren sind seine Sinne geschärft: „Natürlich 
erkenne ich inzwischen auch einzelne Sorten“, sagt Moßner, der eigentlich Grafikdesigner ist und eine Werbeagentur hat. „Einen Gewürztraminer etwa erkennt man am Duft nach Rosenblüten und am würzigen Weinstil. Beim Silvaner wird es schon schwieriger. Aber auch bei ihm kann man herausschmecken von welchem Boden er kommt, ob er auf Muschelkalk, dem Gipskeuper oder Buntsandstein gewachsen ist.“

„Der Gewinn damals hat mein Leben verändert“, sagt Moßner ganz ohne Pathos. „Ich war tatsächlich kein großer Weinliebhaber. Inzwischen bedeutet Wein nicht nur Genuss, sondern höchsten Genuss für mich! Wer könnte dem Thema nicht verfallen. Schon Goethe war ein großer Weinliebhaber. Es ist ein wunderschöner Pfad, auf dem man wandelt, und wenn ich auch noch jemanden mitnehmen kann, macht mich das glücklich.“ Und andere auch: „Es ist eine harte Arbeit dort oben zwischen den Reben, man muss oft Wind und Wetter trotzen und dennoch… Ich sehe auf dem Weinberg nur glückliche Gesichter“, sagt Moßner. Große Mühe, jedes Jahr rund 30 Hobbywinzer für sein Projekt zu finden, hat der 66-Jährige nicht. Er führt es auf die sogenannte „Neue Romantik“ zurück, wie er es nennt.

„Viele wollen zurück zur Natur, wollen hinaus, um in der Landschaft zu wandeln und zu entspannen.“ Etwa 50 Prozent seiner Teilnehmer sind zudem Wiederholungstäter. Ein Hobbywinzer ist bereits seit 14 Jahren dabei. „Ach, wir haben schon viel gemeinsam erlebt“, schwärmt Moßner. Wie er genießen auch die Teilnehmer die Geselligkeit, das gemeinsame Vespern und Fachsimpeln zwischen den Reben. Sogar eine Ehe zwischen einem Winzer und einer Teilnehmerin hat das Projekt schon gestiftet. Zudem wurde sowohl das Projekt samt Wein bereits zum zweiten Mal beim Spezialitätenwettbewerb der Metropolregion Nürnberg als „Unser Original“ ausgezeichnet.

Aktuell ist Moßner gerade auf der Suche für das kommende Jahr. Schon jetzt kann er es kaum erwarten, neue „Weinschwestern“ und „Weinbrüder“ mit auf die Reise zu nehmen, Partner ist diesmal das Demeter-Weingut Helmut Christ in Nordheim an der Mainschleife, in dem seit 1974 ökologisch und seit 2005 biodynamisch gearbeitet wird. Und wer weiß. Vielleicht geht es den Teilnehmern am Ende ihres Weinjahres wie Moßner: „Man kann sich in ein Thema verlieben, das einen ein Leben lang nicht mehr loslässt. Mir ist das mit dem Wein passiert!“

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