Das „Wir“ gestalten

11. Dezember 2019 | Cover

Von Gestaltung und Kritik, Veränderung und Beständigkeit: Eine Begegnung mit der Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, 
Prof Dr. Julia Lehner

Mit einem breiten Kulturbegriff entsteht die Chance, alle zu integrieren – und das Problem, alle unter den sprichwörtlichen Hut bringen zu müssen. Kulturschaffende arbeiten in einem fließenden Prozess, der gleichzeitig mit einem Verwaltungsapparat korrespondiert.

Text: Tibor Baumann Bilder: Grischa Jäger

Nürnberg und die Metropolregion haben nicht nur eine bewegte Geschichte hinter sich, sondern zeichnen sich auch durch eine bewegte Kunst- und Kulturhistorie aus. Durch die unterschiedlichsten Bereiche, von Musik über Malerei bis hin zu den darstellenden Künsten, ist die Region bis heute geprägt. Und trotzdem tun sich hier Künstlerinnen und Künstler oft schwer. Gründe werden dafür oft leichtfertig angeführt: Nürnberg sei eine Arbeiterstadt, die Region kenne keine Käufer für Kunst; es würde nur gefördert, was schon Erfolge verzeichnete, in anderen Städten sei einfach mehr los.

Vielfältige Aufgaben

Gegen diesen Ruf wird im Kulturreferat angearbeitet. Hier treffen wir Julia Lehner in ihrem Büro in der Kulturverwaltung im Neuen Rathaus, ein Stockwerk über dem Standesamt – hier wird das ungleiche Paar aus Verwaltung und Kultur miteinander „verheiratet“. Die Tage der Kulturreferentin sind lang, aber das merkt man ihr nicht an. Offen fokussiert sie sich auf das Treffen. Ihre vielfältigen Aufgaben als Kulturreferentin nimmt die CSU-Stadträtin seit 2002 wahr.

Julia Lehner schloss die Schule 1971 mit dem Abitur in ihrer Geburtsstadt Nürnberg ab, studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Germanistik, Kunstgeschichte und Sozialkunde und absolvierte hier das erste Staatsexamen. „In den Geisteswissenschaften war es niemals einfach, sich eine konkrete berufliche Perspektive zu schaffen. Genau das war mir aber wichtig.“

Nach dem Promotionsstudium standen die Chancen nicht besser, den Traum der Arbeit in Museum und Ausstellunsgbetrieb zu verwirklichen. „In den 1980er und 1990er Jahren existierten gezielte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Geisteswissenschaftler. Auch der Zufall half also ein bisschen mit; so begann meine Karriere bei den Sparkassen, die traditionell Kunst und Kultur unterstützen.“ Die Zufälle leiteten zu einer Karriere, die sich von der Öffentlichkeitsarbeit zur Kulturpolitik wandelt: „Ich sehe es als meinen Auftrag als Kulturpolitikerin an, allen Menschen Zugänge zu Kunst und Kultur zu ermöglichen.“

Schwierige Lage

Der berufliche Werdegang der Kulturreferentin verweist implizit auf die schwierige Lage, in der sich Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler wie auch Kulturschaffende mit dem Ende ihrer Ausbildung und darüber hinaus befinden: Karrieren, die unter dem Vorzeichen stehen, auf die wirtschaftliche Kraft und die Gunst anderer angewiesen zu sein.

In der Praxis zeigt sich diese Abhängigkeit nicht nur im Kauf von Kunst, sondern auch im Kultursponsoring. Kommunale Großveranstaltungen wie Die Blaue Nacht, das Klassik Open Air oder das Bardentreffen sind in Nürnberg Aushängeschilder für die Partizipation einerseits und die Unterstützung andererseits. „Mäzene gab und gibt es. Wenn heutzutage Großveranstaltungen oder Künstlerinnen und Künstler unterstützt werden, liegt der Fokus vor allem auf einem positivem Imagetransfer des Förderers. Wirtschaft und Kultur pflegen eine enge, wechselseitige Beziehung.“ Ob das für alle Bereiche der Kultur gilt und inwiefern die Kulturschaffenden aller Bereiche in einem solchen System nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihren eigenen Lebensunterhalt sichern können, bleibt eine Frage, deren Antwort unterschiedlich ausfällt.

Die Prozesse der Kulturwirtschaft haben sich stark gewandelt – nicht zuletzt durch die Digitalisierung. Wo der Vertrieb künstlerischer Inhalte leichter wird, ist die gleichzeitige Demokratisierung und eine damit einhergehende, freie Verfügbarkeit kaum aufzuhalten. Der Effekt der spürbaren Liberalisierung des Kulturmarktes macht den Wettbewerb, herauszustechen, oder sich seine Nische zu erarbeiten, ungleich härter. So bleibt natürlich auch die Frage im Raum stehen, wie eine Institution, wie das Nürnberger Kulturreferat, Kulturschaffende generell, unabhängig von Genre und gesellschaftlichen Bezügen, ob aus Hoch- oder Subkultur entstammend, gleichbehandelnd fördern kann.

„Es ist wahnsinnig schwierig, endlich mit dieser Annahme aufzuräumen“ setzt die Kulturreferentin hier dagegen, „dass Kultur in strikt getrennte Bereiche aufzuteilen ist. Im kulturpolitischen Diskurs ist diese These längst Vergangenheit. Es wird nicht mehr nur in „Schubladen“ gedacht.“

Unterschiedliche Bedürfnisse

Ob das Postulat der Unterscheidungsauflösung wirklich der Lebenswirklichkeit standhält, kann diskutiert werden. Vor allem, wenn man die ökonomische Lage, damit verbundene Eigenansprüche und von außen gegebene Anforderungen, beispielsweise die eines Staatstheaters und die eines freien Ensembles, nebeneinander stellt. Am Ende ist es aber vielleicht genau diese Diskussion, die wichtig ist, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse hinzuweisen. „Kunst und Kultur können unser demokratisches System aufrechterhalten, es stärken und inspirieren; Kultur schafft Zusammenhalt, Kultur schafft Miteinander“, so die Kulturreferentin.

In der Bewerbung Nürnbergs zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 setzt sich die oben skizzierte Diskussion in anderem Rahmen fort. Und damit der oben angedeutete Spagat für das Kulturreferat: „Wir haben das Versprechen abgegeben, uns auch und insbesondere dem Bedarf der freien Szene zu widmen,“ erklärt die Kulturreferentin. Zufrieden sind aber mit N2025 nicht alle Kulturschaffenden. „Unser Aufruf zur Beteiligung am Bewerbungsprozess bedeutet, dass wir uns den einzelnen Perspektiven zu stellen haben. Ein Aufruf zur Partizipation ist gleichzeitig ein Aufruf zur Kritik – damit muss man umgehen wollen und können“, betont Julia Lehner.

Kulturelles Wachstum

Kultur benötigt stetige Erneuerung, Wachstum reproduzierbare Strukturen. Kultur und kulturelles Wachstum bedingen einander, sind voneinander abhängig. Die Kulturreferentin fasst diesen scheinbaren Widerspruch mit einem Zitat aus Guiseppe Tomasi di Lampedusas „Der Leopard“ zusammen: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

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