Der New Work-Komponist

29. August 2022 | People

Es ist Montagmorgen und ich bin in ein paar Stunden mit Arthur Soballa im Möbelkollektiv verabredet. Ich sitze am Rechner und suche nach etwas, das dem Interview einen Rahmen geben könnte. Nur: Wie kann dieser Aussehen, wenn die Ergebnisse in der Suchmaschine von NUEJAZZ und Möbel über das Digital Festival bis hin zu New Work und Bierbrand reichen? Ich entscheide mich dazu, erstmal offen in das Gespräch zu gehen und mich überraschen zu lassen, welche Person ich kennenlernen darf. Und die Klammer war dann nach dem Gespräch doch recht schnell sichtbar.

Text und Bilder: Oliver Dürrbeck

Um 11:00 Uhr stehe ich in der Wiesentalstraße 40 im dritten Obergeschoss und klingle an der Tür des Möbelkollektivs. Ich werde direkt herzlich von Arthur empfangen und wir starten unser Gespräch locker an der Kaffeemaschine. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand – übrigens gebraut aus einer eigenen Mischung von einer Nürnberger Rösterei – zeigt er mir die Räumlichkeiten und ich bekomme schon eine erste Ahnung, um was es beim Möbelkollektiv geht. Wir gehen vorbei am Zebra-Stall, lassen Sylt – einen Arbeitsbereich, der seinen Namen vom integrierten Reed-Dach hat – links neben uns liegen und entscheiden uns dazu, es uns in der Prinzessinnenburg gemütlich zu machen.

Mit 32 hörte meine Karriere auf

Als erstes möchte ich ein wenig mehr Persönliches über den Gesprächspartner erfahren, der mir gegenüber sitzt, darüber wie alles begonnen. Erfahren, wie sein Weg dorthin ausgesehen hat, wo er heute ist. „Das startet bei mit Musik. Ich habe schon mit 6 Jahren auf der Bühne Kinderkonzerte gespielt, viel Klavier- und Trompetenunterricht bekommen, habe im Chor und im Orchester gespielt. Das Ganze hat mich sogar als Berufsmusiker begleitet bis ich 27 Jahre alt war. Klassik war aber, wie ich nach 6 Semestern Musikstudium gemerkt habe, nicht der Lebensinhalt, der zu meinem Temperament passt.“ Arthur wechselte das Fach und schloss sein Studium als Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler ab. Danach ging es rasant weiter. „Ich bin schnell zum DAX30-Manager aufgestiegen, hatte über mir nur noch den Vorstand.“ Nach fünf Jahren hat er dann aber gemerkt, dass es einfach nicht passt, immer so zwischen Vorstand und den vielen Mitarbeitenden, zu stehen. „Dazu war ich zu jung und eigentlich nicht ausgebildet. Da war ich 32 Jahre alt, als meine Karriere aufgehört und meine Berufung angefangen hat.“

Arthur Soballa

Nach einem Zwischenstopp im Agenturumfeld ist der Innopreneur als Freelancer im Möbelkollektiv gelandet.

New Work und Möbel

Nach einem Zwischenstopp im Agenturumfeld ist der Innopreneur als Freelancer im Möbelkollektiv gelandet. „Hier setze ich meine Projekte so auf, dass ich die Dinge mache, die für das Umfeld und die Welt Sinn machen. Neben Innovationen für Menschen und Marken habe ich ja auch Fokusthemen wie ´New Work`.“

Der Begriff New Work ist seit einigen Jahren in Business Netzwerken omnipräsent. Manchmal verbindet man damit vielleicht erstmal nur ein paar Veränderungen, die man in der Arbeitswelt in den vergangenen Jahren beobachten konnte – wie beispielsweise die Möglichkeit, selbstbestimmter über Arbeitsort oder Arbeitszeit bestimmen zu können. Es gehört aber noch viel mehr dazu. „Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen von New Work. Die Interpretation an sich ist ja zumindest vom Ansatz her die, dass man die Arbeit sucht und findet und macht, die man auch wirklich will – das ist die Ur-Idee. Das hat mit Lohnarbeit wenig zu tun. Sondern vielmehr damit, dass man praktisch die Dinge auch neben dem Hauptberuf tut, die einen selbst wertschätzen und erfüllen. Das kann eine Tätigkeit im Sportverein sein, für die Kinder, im Altersheim, kulturell, das kann im Prinzip alles Mögliche sein. Wenn man dann durch dieses Tun und Arbeiten einen Job für sich bauen kann oder selbst damit gründet, etwas daraus macht, womit man Geld verdient, umso schöner, aber das ist nicht der Kern. Die Idee von New Work war eine Teilzeitidee, wo man wirklich in den kleinen Dingen das macht, was man machen will, “ erklärt Arthur den aus den 1980ern stammenden Begriff New Work, der auf den deutsch-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück geht.

Auf unternehmerischer Seite lässt sich die Essenz der New Work-Bewegung in fünf Prinzipien zusammenfassen, die Arthur im Unternehmen humanfy, wo er 2017 neben Anja Gstoettner und Markus Väth, Vordenker und einer der führenden Köpfe der New Work-Bewegung in Deutschland, Co-Founder war, entwickelt hat: Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Selbstentwicklung und soziale Verantwortung. „Indem wir über diese Prinzipien praktisch einen Kreis gebaut haben, der sich immer wieder drehen lässt und gesagt haben, wenn Du als Unternehmer Deine Mitarbeitenden förderst, ihnen einen Kreativraum zum Selbstentdecken gibst, in dem sie den eigenen Sinn im Unternehmen finden und sich selbst entwickeln können, wenn Du das aktiv förderst und nicht nur duldest, dann bist Du ein New Work Unternehmen.“

Um die Gestaltung von Arbeitswelten geht es auch im Möbelkollektiv. Gemeinsam mit den Kunden begibt er sich auf in den Räumlichkeiten in der Wiesentalstraße auf Safaris, erkundet gemeinsam mit Mitarbeitenden aller Hierarchiestufen wie ein Arbeitsort aussehen kann. Ein Arbeitsort, den man als eine Art Heimat empfinden kann, wo man vor Ort wirklich so arbeiten kann, wie man arbeiten will. Erarbeitet, wie man bestehende Flächen umbauen und so konfigurieren kann, dass das klappt. „Da wird jetzt aktuell viel investiert. Die Firmen, die hier die Safaris durchleben, haben es verstanden, dass wenn Dein Arbeitsort schön, emotional und wohlfühlend aufgebaut ist, die Menschen eher ins Büro kommen als zuhause zu sitzen. Ja, es gibt auch einen sinnvollen Kontext wo man im Homeoffice produktiv arbeiten kann. Aber viel mehr passiert gemeinsam, also in Teams, mit kurzen Wegen, wo es menschlicher abläuft und man nicht irgendwelche Webinare und Online-Konferenzen besucht. Man ist nicht unbedingt immer schneller am Ziel, darum geht es nicht, aber man ist im Entwicklungsprozess für sich selbst und fürs Team sinnstiftender unterwegs.“ Diese Formate, die Welten, werden dann am Projektende auch auf Kundenseite aufgebaut. Sie werden für die Mitarbeitenden sichtbar gemacht, die Orte zur Anwendung gebracht – ein Onboarding, wie man einen Raum wie das Möbelkollektiv auf die Firma übertragen und nutzen kann.

Der Begriff New Work ist seit einigen Jahren in Business Netzwerken omnipräsent.

Bierbrand und Genuss

Die Safaris, die Projekte, die daraus entstehen, werden – wie er sagt – von ihm orchestriert. Nebenbei erwähnt er auch, dass er komponiert. Ein wenig später erzählt er von einem experimentellen Musical für Schulen, das er auf den Weg gebracht hat, vom NUEJAZZ Festival, wo er involviert ist – immer wieder treffen wir auf das Thema Musik. Aktuell läuft bei ihm besonders viel Jazz, er ist aber offen für alles, hört auch viel Radio, entdeckt gerne Neues.

Neues findet er auch gerne auf Veranstaltungen, trifft dort zufällig Leute und kommt mit ihnen ins Gespräch. Aus diesen Momenten heraus entstehen dann auch nicht selten neue Projekte wie beispielsweise der Franconion Bierbrand. Ein Spaßprojekt wie Arthur sagt. Von drei ganz unterschiedlichen Personen. Jeder bringt seine Stärken ein und am Ende steht ein original fränkisches Produkt namens Bierbrand aus dem Holzfass.

Ich frage ihn, was als nächstes kommt, wo er sich in fünf Jahren sieht. „Das lasse ich bewusst außerhalb meines Gedankenmodells, weil man nie weiß auf was man trifft im Leben. Der Zugang zu Projekten ist aber immer die Begegnung. Das kann ein After Work sein, ein Workshop oder ein Festival. Aber beispielsweise auch ein Tasting. Ich baue das mittlerweile sechste Tasting dieses Jahr. Eines mit Olivenöl und Weinen, das morgen stattfindet. Ich habe solche Abende schon vor fünf oder sechs Jahren organisiert. Jetzt wurde ich während Corona wieder darauf angesprochen und habe es einfach erneut auf den Weg gebracht. Als nächstes plane ich ein Grillevent.“

Musik verbindet

So langsam neigt sich unser Gespräch dem Ende zu. Die Zeit ist wie im Nu vergangen und wir liegen schon weit über der Zeit, die wir eigentlich eingeplant haben. Wir machen noch ein paar Fotos und landen bei Arthurs Kollegen Andi. Er sitzt gerade irgendwo neben Sylt – vielleicht auf einem kleinen Boot oder Kutter? Er nimmt seinen Kopfhörer ab und bringt sich mit in das Gespräch ein. Wir landen plötzlich wieder ganz schnell bei der Musik und wie sich die Wege der beiden gekreuzt haben. „Wir kennen uns jetzt locker 15 Jahre. Wir waren beide auf einer Geburtstagsfeier. Da stand ein E-Piano und ich fing einfach an zu spielen. Da kam Andi aus dem Keller mit einer Bassbox und einer Bassgitarre in der Hand. Dann kam noch jemand mit einer Gitarre dazu und wir hatten innerhalb von 30 Minuten eine Band. Bis in den Morgen haben wir gemeinsam gespielt, so haben wir uns kennengelernt,“ erinnert sich Arthur. Andi fügt hinzu: „Und die Musik ist uns immer geblieben.“

Mit Musik beginnt scheinbar so vieles, nicht nur Arthurs Geschichte sondern auch diese Freundschaft und langjährige Zusammenarbeit.

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