Eine Frage der Haltung

7. Juni 2022 | Cover

Wir haben Mitte Februar als sich unser Team auf den Weg in die Hauptstadt macht. Die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin sind in vollem Gange. Iris Berben nimmt den „Orden wider den tierischen Ernst“ der Aachener Karnevalisten entgegen und positioniert sich in ihrer Fernsehrede klar gegen rechtes Gedankengut und für demokratische Werte. In der Ukraine verlassen die ersten Menschen das von Russland angegriffene Land.
Die Zeiten sind schwierig, die Zukunft ungewiss.

Interview: Magdalena Kick und Daniel Wickel Bilder: Grischa Jäger

Eine schwarze Sonnenbrille, ein dunkelblauer Hosenanzug, weiß-blaue Chucks. Lockerlässig erscheint Iris Berben an diesem Morgen zum Termin Unter den Linden in Berlin Mitte. Vor fast 400 Jahren wurden auf dem ehemaligen Reitweg von Kurfürst Friedrich Wilhelm die ersten Linden gepflanzt und die etwa 60 Meter breite Straße wird zur Prachtstraße „Unter den Linden“. Der dort ansässige Rotonda Business Club ist unser gemeinsames Domizil für das knapp 3-stündige Treffen mit der wohl größten Schauspielerin, die Deutschland jemals hervorgebracht hat. „Eigentlich lebe ich nicht in der Karnevalswelt, aber es hieß man dürfe eine Rede halten. Mir wurden 14 Minuten zugestanden“, erzählt Berben von ihrem Auftritt beim „Orden wider den tierischen Ernst“. „Es waren am Ende 26 Minuten und mir war schließlich das politische Statement wichtig“, schmunzelt sie in Gedanken an die große Bühne, die der Schauspielerin zuteil wird. Die Debattenkultur ist ihr wichtig, die Demokratie zu verteidigen das höchste Ziel. „Die Streitkultur ist heute eine andere. Durch die sozialen Medien ist die Möglichkeit geschaffen, alles loszuwerden, doch fehlt dir dein Gegenüber. Es wird heute fast gebrüllt und niemand hört mehr richtig zu“, mahnt sie nachdenklich an. „Wir haben in der Pandemie einen Teil der Menschen verloren, die Angst haben und Antworten auf die schwierigen Fragen dieser Welt suchen. Die Kunst wird gebraucht als Bollwerk, gegen die Kreuz- und Querdenker, sonst werden die Montagsspaziergänge wieder zu Fackelmärschen.“

Städte

Als Kind der Gastronomen Dorothea und Heinz Berben kommt sie im August 1950 in Detmold auf die Welt. Nach der Scheidung der Eltern zieht das junge Mädchen mit ihrer Mutter nach Hamburg, lebt danach zwei Jahre bei den Großeltern in Essen und geht mit zwölf Jahren auf ein Internat in St. Peter-Ording, nachdem ihre Mutter nach Portugal auswandert. Mit 18 zieht es die angehende Schauspielerin von Hamburg nach München.
Heute lebt sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Stuntman Heiko Kiesow, in Berlin. „Ich habe nicht wirklich ein Heimatgefühl, Heimat sind sehr viel mehr die Menschen um mich herum“, erklärt Berben, die wenige Tage vor Beginn der Berlinale noch in ihrem zweiten Zuhause weilt. „Portugal – ich liebe die Menschen, die Natur und ich brauche den Atlantik. Morgens hole ich erst einmal die Eier von den Hühnern, spreche zweisprachig mit meinen Schafen und tanke Kraft und Energie inmitten der ungebändigten Natur“, schwärmt sie von dem südeuropäischen Land auf der iberischen Halbinsel. Unter den zahlreichen Tieren befindet sich seit geraumer Zeit auch Jimi Hendrix, ein Schaf, das ihr zugelaufen ist. „Sie sieht ständig bekifft aus mit ihren roten Augen und vernachlässigt ihr Kind“, grinst Berben und ergänzt augenzwinkernd: „In Zeiten vom Gendern kann ich ein weibliches Schaf doch auch Jimi Hendrix nennen.“ Während ihres siebenwöchigen Aufenthalts an der Atlantikküste liest Berben acht Bücher und vier Drehbücher. „Zum Text lernen muss es um mich herum mucksmäuschenstill still sein. Ab und an lese ich den Text beim Spazieren durch Berlin und ich höre die Leute tuscheln, da kommt die Merkwürdige wieder, die laut vor sich hinspricht. Aber in Berlin fällst du damit eigentlich nicht wirklich auf“, lacht sie.

Länder

Kurz nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg reist Iris Berben 1968, als junges Mädchen, das erste Mal nach Israel und verliebt sich in das Land an der Ostküste des Mittelmeers. Eine Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden in Jerusalem prägt sie nachhaltig und bis heute setzt sich die 71-Jährige kontinuierlich gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus ein. „Gegen das Vergessen zu arbeiten ist so wichtig. Das Wissen an das Geschehene soll uns nicht belasten, sondern wir müssen es nutzen, damit so etwas wie der Holocaust nie wieder vorkommt“, führt Berben an, die vor zwanzig Jahren den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland, für ihr Engagement für das Existenzrecht Israels in sichere Grenzen, erhält. Seit Jahren schon ist die Schauspielerin und Synchronsprecherin auch auf Lesungen in der gesamten Republik unterwegs. „Gern habe ich hier in Nürnberg, vor allem während der Weihnachtszeit, gelesen, denn ich liebe die Stimmung beim Christkindlesmarkt“, lächelt sie. Nachdem Iris Berben vor gut sechs Jahren auf einer ihrer zahlreichen Lesungen auch im Sitzungssaal der Nürnberger Prozesse auftritt, lernt sie Ulrich Maly kennen und wird auf sein Bitten hin Mitglied der Jury des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises. „Durch die tolle Vorarbeit der Organisation lernst du Nominierte des Menschenrechtspreises kennen, die es alle verdient haben, in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht zu werden. Du bekommst Vorschläge zugeschickt, kannst selbst welche einbringen und hast spannende Diskussionen mit Jurymitgliedern aus allen Ländern“, berichtet sie begeistert.
Ein strahlendes Lächeln huscht in ihr Gesicht bei der Erinnerung an einen ihrer größten Träume, den sie sich erfüllt hat – eine Reise in die Antarktis. „Dreißig Jahre meines Lebens wollte ich in die Antarktis, hatte mir stets die Frage gestellt, ob dieser Kontinent wirklich zu uns gehört“, schmunzelt sie. Als nächstes lockt die Transsibirische Eisenbahn mit einer einmonatigen Tour mit Start in Peking. „Auf das Reisen zu verzichten war das Schwerste für mich während der Pandemie“, verrät Iris Berben.

Welten

Ihre Karriere startet mit Edgar Wallace, Italowestern und Sketchup. Nach zahlreichen Fernsehfilmen, und der Kultrolle in der Krimiserie Rosa Roth, taucht Iris Berben mittlerweile gern in historische Figurenwelten ein. Ob nun als schlittschuhlaufende Kanzlerin, Konsulin Buddenbrook in der Romanverfilmung oder als weibliches Familienoberhaupt in der Krupp-Saga. Die mehrfach ausgezeichnete Darstellerin hat aktuell drei Filme auf Halde. „Ich liebe meine Arbeit und möchte natürlich wissen, wie die Resonanz des Publikums aussieht. Dein eigener Anspruch an dich wächst, du lässt los, verlässt deine Routinen und gehst in deiner Rolle auf. Am Dreh brauche ich nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Aber wenn das Zwischenmenschliche stimmt und Empathie besteht, macht es die Arbeit natürlich leichter“, erzählt Berben von ihrem letzten Dreh von „Der Nachname“, der in familiärer Atmosphäre in Griechenland abgedreht wird und im Herbst in die deutschen Kinos kommt. Ihre Stimme leiht Sie aktuell Nana Noodleman, einer alternden Schafoperndiva im Animationsfilm „Sing 2“, neben 
Bastian Pastewka und Peter Maffay.
„Auf der Leinwand vereinigen sich so viele Emotionen. Angst, Mut, Spannung, Verwirrung. Du tauchst im Kino in eine fremde Welt ein. Ich liebe zwar das Streaming mit all seinen Möglichkeiten, aber die große Leinwand bietet so viel mehr“, erzählt Berben, die beim Kinobesuch gern in die Vorstellung am Nachmittag geht. Vor wenigen Wochen sieht die Schauspielerin einen Bericht über das Regenbogenpräludium und ist fasziniert. „Die Aufmerksamkeit war da, die Auseinandersetzung extrem spannend“, staunt sie und erzählt von der Erinnerungskultur in Berlin. „Das Stelenfeld in der Nähe des Brandenburger Tors erzählt uns Geschichte. Ich war schockiert und zutiefst verletzt, als ich sah, dass Menschen inmitten des Mahnmals sich sonnten, oder ein Picknick veranstalteten. Ich denke, auch diese Menschen wissen um die Bedeutung des Stelenfeldes“, lächelt sie traurig: „Und was du daraus machst, ist eine Frage der eigenen Haltung.“

Wir treffen Iris Berben Anfang Februar 2022 in Berlin.

Iris Berben im Gespräch über Heimat und Haltung.

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