Fränkisches Herzblut

3. März 2021 | Cover

Es hat geschneit. Der glitzernde Schnee liegt wie Puderzucker auf den Dächern des Nürnberger Tierheims am Rande des Reichswalds. Ein schwarzer Smart durchbricht das Weiß. Am Steuer sitzt Dagmar Wöhrl. Tanja Schnabel, seit fünf Jahren Leiterin des Tierheims, erwartet uns bereits und führt uns durch die hellen Räumlichkeiten vom Welpenhaus. Im Oktober 2010 erbaut bietet das erste Welpenhaus Europas eine fürsorgliche Unterkunft für 50 Hunde- und 100 Katzenbabys und sichert so das Wohlergehen für die Kleinsten.

Interview: Magdalena Kick und Daniel Wickel Bilder: Grischa Jäger

„Als ich im Tierheim anfing mich ehrenamtlich zu engagieren, waren es acht Mitarbeiter mittlerweile sind es weit über 40 – ein mittelständisches Unternehmen. Für mich eine Herzensangelegenheit“, erzählt Dagmar Wöhrl strahlend. „Die Aufgabenbereiche haben sich immens verändert zu früher“, berichtet die Präsidentin des Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth und Umgebung e.V., die sich seit 30 Jahren dort ehrenamtlich engagiert. Das Tierheim vermittelt nicht nur Tiere, es gibt auch einen Tierfriedhof mit 1.000 Gräbern, eine Quarantäne- und Krankenstation wurde errichtet, ist auch gleichzeitig Anlaufstelle für Sorgen und Nöte der Tiere und ihrer Halter und dient Schulklassen als pädagogischer lebendiger Unterrichtsort. „Kinder sollten schon früh über den Tierschutz aufgeklärt werden“, meint die gebürtige Nürnbergerin, die jahrelang dafür kämpfen musste, dass der Tierschutz im Grundgesetz verankert wird.

Seiteneinstieg in die Politik

Die 1954 als geborene Dagmar Gabriele Winkler wuchs in Stein bei Nürnberg auf. Tagsüber oft bei der Großmutter – beide Elternteile berufstätig bei Siemens – fand die gelernte Juristin über Umwege in die Politik. „Ich habe es anfangs nicht ernst genommen, als der Anruf kam in die Politik einzusteigen. Ich war damals zwar politisch interessiert, war jedoch keiner Partei angehörig“, lacht Wöhrl. Aber ihr Mann bestärkte sie. „Du kannst nicht nur die lokale Politik kritisieren, sondern hast als Unternehmerin auch eine Verantwortung etwas für den Standort zu tun“, erzählt uns Wöhrl von ihren Anfängen. „Und als ich dann später nach Bonn gegangen bin, habe ich meine Rechtsanwaltsgehilfin mitgenommen, die noch mehr fränkisch gesprochen hat als ich“, schmunzelt sie. „Ich war sehr gern in Bonn. Kurze Wege, viel mehr Kontakt und Austausch zu seinen Kollegen als später in Berlin.“ Und so bleibt sie 23 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestags. Unter anderem als Landesschatzmeisterin der CSU, Mitglied im CSU-Präsidium, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft und Technologie und bis zu ihrem Ausstieg aus der Politik Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie hatte ein bisschen Angst vor der Entscheidung aus der Politik auszuscheiden verrät sie uns. „Aber ich habe mich damals dazu entschlossen, mich mehr meinem sozialen Engagement zu widmen.“ Und so ist sie nicht nur im Tierheim aktiv, sondern engagiert sich ebenfalls unter anderem für die Bayerische AIDS Stiftung, ist stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland und betreut ihre eigene Emanuel Wöhrl Stiftung.

Dagmar Wöhrl mit Keynes im Garten des Nürnberger Tierheims.

Das 2009 eröffnete Welpenhaus bietet Platz für 50 Hunde- und 100 Katzenbabys.

Erfolgsgeschichte als 
Investorin

Neben ihrem ehrenamtlichen Engagement ist Wöhrl seit 2017 Investorin bei „Die Höhle der Löwen“. Zum Start der vierten Staffel übernahm sie den Platz des zuvor ausgestiegenen Unternehmers Jochen Schweizer und ist aktuell bei den Dreharbeiten zur neunten Staffel immer wieder in Köln unterwegs und aus dem Investorenteam nicht mehr wegzudenken. Sie besitzt gemeinsam Anteile am erfolgreichsten Start-Up „waterdrop“ aus der „Die Höhle der Löwen“ und hat schon mehreren Gründerinnen und Gründern auf dem Weg zum Erfolg geholfen. „Bei den Gründern höre ich auf mein Bauchgefühl. Der Mensch ist beim Startup immens wichtig“, erläutert sie uns eines der Auswahlkriterien beim Pitch. Gemeinsam mit ihren Gründerinnen und Gründern ist ebenfalls eine Whatsapp-Gruppe entstanden und die Jungunternehmer unterstützen sich so gegenseitig. „Ich bin ein großer Fan des Netzwerkens. Die Jungen profitieren von der Erfahrung der Älteren“, so die Investorin und erzählt uns stolz: „Mein emotionalster Pitch war „REMOD“. Die Geschichte einer Mutter, deren Kind einen Schlaganfall hatte während der Schwangerschaft. Aus Nichts und ohne medizinische Kenntnisse, hat sie dann ein Hilfsmittel entwickelt um ihrer Tochter zu helfen.“

Dagmar Wöhrl ist mit viel Herzblut dabei. Man spürt förmlich die positive Energie der Fränkin, die zwischen Nürnberg, Berlin und Köln mit der Bahn pendelt. In 13 Startups hat sie seit 2017 investiert, alle Produkte für sich marktfähig und mit einem Alleinstellungsmerkmal. „Jedes Startup das zu mir kommt mit dem Anliegen ganz schnell Geld machen zu wollen, ist bei mir fehl am Platz. Ein Unternehmen aufzubauen ist keine Fahrt mit der Rolltreppe, sondern eine Bergwanderung. Es geht nach oben, es geht nach unten und das Wetter ändert sich. Mal regnet es, mal schneit es, mal scheint die Sonne.“
Während der Sendungen twittert sie und tauscht sich mit ihrer Community aus. Ihr Mann und ihr Sohn sind wenn möglich immer mit dabei, wenn die neuen Folgen aufgezeichnet werden. Ihre beiden Männer sind größte Fans und größte Kritiker zugleich. „Manchmal denke ich mir beim Pitch, was mein Mann dazu sagen würde. Damals bei „happypo“, wollte kein anderer Löwe den Deal und jetzt ist es mein zweiterfolgreichstes Startup“, lacht Wöhrl. „Und dazu noch nachhaltig“, ergänzt sie mit einem Augenzwinkern.

In Nürnberg verwurzelt

Wenn sie selbst in Nürnberg ist, ist sie jeden Tag zu Besuch bei ihrer 95 Jahre alten Mutter. Seit einem Unfall im vergangenen Jahr ist diese nicht mehr sehr mobil und so bringt Dagmar Wöhrl ihrer „Mutti“ oft das Mittagessen vorbei. „Ich wünsche mir, dass meine Mutter nicht den Rest ihres Lebens im Bett verbringen muss, sondern dass sie mit Hilfe des Rollstuhls doch noch am Leben teilnehmen kann.“ Getreu dem Motto supportyourlocal findet Wöhrl zurzeit Gefallen am Abholen von Essen und verrät uns ihren Geheimtipp wo das beste Schäufele zu finden sei. „Mein Mann ist Fan von Rouladen, ich stehe auf Sauerbraten“, grinst sie und macht sich freudestrahlend über die mitgebrachten Brezen her.

Aber ganz nach dem Motto der Strahlentheorie ihrer Großmutter „Wenn man offen auf Menschen zugeht, dann wird man mit Offenheit empfangen“, packt sie die mitgebrachten Brezen und das Schlemmerkistla von unserer Charityveranstaltung ein, steigt in ihren schwarzen Smart und fährt zu ihrer Mutter. Denn ihre Familie, ihre Heimat, die ist in Nürnberg.

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