Mut zur Veränderung

1. April 2021 | Cover

„Aufgeben ist keine Option!“ Neben dem Schreibtisch der Vorständin lehnt ein zerbrochenes Brett auf der Fensterbank. Über die beiden Hälften prangt der Spruch in scharlachroten Farben. Unser Fotograf Grischa Jäger entdeckt das Stück Zeitgeschichte sofort. Julia Bangerth lacht, als ich sie darauf anspreche. „Das war vor ein paar Jahren auf einer großen Veranstaltung mit über 1.000 Kolleginnen und Kollegen. Ein Kampfsporttrainer sollte uns damals die Rolle von Konzentration und Fokus veranschaulichen – indem er uns anleitete, ein Brett zu durchschlagen. Bei meinem Glück war ich natürlich eine der Auserwählten, die das auf der Bühne machen sollten.“ Seit einigen Jahren erinnert es sie daran, welche Macht Gedanken und Fokussierung haben. Und im Laufe des Gesprächs stelle ich fest, dass da noch mehr dahintersteckt: Eine Haltung. Ich komme darauf zurück.

Text: Julian Menz Bilder: Grischa Jäger

„Ich wusste schon immer, dass ich Juristin werden wollte“, sagt Julia Bangerth. „Der Wunsch nach Veränderung kam erst, als ich mein Ziel erreicht hatte.“ Manche Kinder und Jugendlichen träumen jahrelang von verschiedenen Berufen, die sie sich vorstellen könnten. Interessieren sich mal hierfür, mal dafür. Um schließlich im Arbeitsleben jahrzehntelang im selben Unternehmen zu bleiben. Julia Bangerth zäumt dieses Pferd von hinten auf. Bis sie Ende zwanzig ist, gibt es nichts anderes als Juristin zu werden und zu sein. „Als ich klein war, hat mich mein Vater schon mit in den Gerichtssaal genommen“, erinnert sie sich. „Meine Mutter arbeitete auch in der Kanzlei, aber ich wollte immer lieber mit meinem Vater ins Gericht: Diese Atmosphäre von Würde und Ehre wie auch die Tatsache, dass es hier um Recht und Gerechtigkeit geht, das hat mich schon immer fasziniert.“

Im Jugendalter kam noch eine weitere Erfahrung hinzu: „Mein Vater hatte in Diskussionen immer die besseren Argumente. Das wollte ich auch unbedingt können.“ Nach dem Abitur gibt es deshalb nur eines: Jura studieren. Nach kurzer Zeit an der Uni Würzburg wechselt sie nach Mannheim und legt in der Quadratestadt auch ihr Examen ab. Ihr Fleiß – von gelegentlichem Wassersport auf dem Rhein unterbrochen – bringt sie bald ans Ziel ihres Kindheitstraums: Prozessierende Rechtanwältin in einer Kanzlei zu sein.

Hier steht die Bildunterschrift.
Foto: Credit angeben

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Veränderung wagen

„Ich habe bald schon gemerkt, dass es zwar großen Spaß macht als Rechtsanwältin zu arbeiten, aber irgendwas fehlte mir“, erzählt Julia Bangerth. „Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich mir für meine Arbeit mehr Umgang mit Menschen wünsche.“ Dieser Wunsch markiert einen Wendepunkt in ihrem (Berufs-)Leben. Statt sich abzufinden und auf Sicherheit durch berufliche Gewohnheit zu setzen, folgt sie dem inneren Ruf und wagt die erste große Veränderung. „Für meinen Vater war es anfangs ein Schock“, schmunzelt sie. „Erst noch mit großen Aussichten in einer Kanzlei und dann auf einmal sowas.“ Mit Ende zwanzig wechselt sie in eine Branche, die bei Eltern eher unbeliebt ist: Live-Entertainment. Bühnen. Kunst und Show. Aber Julia Bangerth ist sich ihrer Entscheidung sicher und macht die 180-Grad-Wende.

Sie bleibt weiterhin Juristin und steht nicht Abend für Abend auf der Bühne. Aber abseits davon wird sie nach und nach in sämtliche Abläufe eingebunden. Geht es zuerst hauptsächlich um juristische Themen, kümmert sie sich bald um Personalangelegenheiten und mehr: „Schließlich war ich Project Director verschiedener Eventreihen und Geschäftsführerin eines Eventunternehmens.“ Julia Bangerth reist damals regelmäßig mehrere Wochen am Stück durch Europa, lernt ihren Mann kennen und bekommt zwei Kinder. Nach über sieben Jahren Großveranstaltungen spürt sie, dass sie einen nächsten Schritt gehen muss.

Sich nachhaltig wandeln

Um die Entscheidung nicht auf die lange Bank zu schieben, beendet sie den Job noch bevor ein neuer in Sicht ist. Sie erzwingt damit einen Neuanfang, eine neue Herausforderung. Die bietet ihr schließlich Pöyry, ein finnisches Consulting- und Engineering-Unternehmen. Vier Jahre arbeitet sie dort, zunächst als Head of Human Resources, später als Geschäftsführerin in Deutschland und Vice President HR für Mitteleuropa. Als sich die Option auftut, bei DATEV als Personalchefin Verantwortung zu übernehmen, reizt sie besonders auch die Gesellschaftsform: „Mich hat gerade die Idee der Genossenschaft sehr begeistert“, erzählt die heutige Vorständin. „In AGs müssen oft Quartalsziele erreicht werden, was nachhaltige Veränderungen erschwert oder sogar verhindert. Genossenschaften können da viel unabhängiger und langfristiger agieren.“ Zum Nürnberger Softwareriesen wird sie 2016 zunächst in die Geschäftsleitung berufen. Zwei Jahre später wechselt sie dort in den Vorstand.
Im Unternehmen greift Julia Bangerth viele neue Themen an, denn die exponentiell zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit durch die digitale Transformation betrifft das Softwarehaus genauso wie Unternehmen aus anderen Wirtschaftszweigen. Die mittlerweile über 8.000 Beschäftigten dabei einzubeziehen, ihnen den Wandel zu erklären und positive Perspektiven aufzuzeigen ist eine Mammutaufgabe, die sie gerne annimmt. „Große Organisationen sind oft hierarchisch strukturiert, was aber mit zunehmender Veränderungsdynamik nicht mehr funktioniert“, erklärt sie. „Deswegen arbeiten wir daran, unsere Organisation flexibler und anpassungsfähiger zu machen.“ Seit 2019 ist sie neben der Personalchefin auch COO der DATEV und damit verantwortlich für das Tagesgeschäft der inneren Abläufe des Unternehmens und der Wertschöpfungs- und Portfoliosteuerung.

Mehr als nur ein Motto: eine Haltung.

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Kompromisse finden

„Nein, ich bin kein kompromissbereiter Mensch.“ Julia Bangerth sagt es ganz trocken, lacht aber kurz darauf und fügt hinzu: „Zumindest was mich persönlich betrifft.“ Als Personalvorständin der DATEV gehört es zu ihrer Aufgabe Kompromisse zu finden und zu vermitteln. „Über die Jahre habe ich gelernt, dass nicht alle von Veränderung so begeistert sind wie ich“, räumt sie ein. „Wir haben bei der DATEV viele Möglichkeiten geschaffen, dass sich Mitarbeitende auch kritisch äußern und ihre Ideen einbringen können, wie man es noch besser machen könnte. Denn den perfekten Endzustand einer Organisation gibt es nicht“, sagt sie, „nur immer wieder neue Iterationen.“ Mit ihr entwickelt sich die DATEV zu einer lernenden, einer sich stetig verändernden Organisation weiter.

Der alte Grieche Heraklit hat die Veränderung schon als einzige Konstante erkannt. Und während Julia Bangerth über ihr Leben und die Arbeit im Vorstand spricht, wird mir immer klarer, was diese Person, die mir gegenübersitzt, am meisten liebt. Und dann formuliert sie es sogar selbst: „Ich liebe Veränderung“, sagt sie. „Das macht mir Spaß.“ Und sie will in ihrer Position auch für andere Veränderung bewirken. In ihrer Rolle als zweifache Mutter, Vorständin und Mitglied in diversen Branchengremien tritt sie regelmäßig als Advokatin für diverse Teams auf. Diversität ist eine Tatsache und Gleichberechtigung zwar de jure geltendes Recht – die Praxis sieht aber dann doch oft anders aus. Aber sie formuliert es immer positiv, einen Kampf der Geschlechter hält sie für unnötig: Das Ziel, Diversität in Gesellschaft und Unternehmen zu fördern, ist für sie nur gemeinsam zu erreichen. Vielleicht spricht die Personalerin aus ihr, vielleicht hat ihr Lebenslauf ihr so viel Zuversicht gegeben, aber Julia Bangerth scheint immer davon auszugehen, dass große Hürden überwindbar sind – mindestens veränderbar. Aufgeben ist ganz offensichtlich für sie keine Option.

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