Freiheit, Lebkuchen und Wein

20. Oktober 2020 | Cover

Real Estate is a local business. Der alte Merkspruch der Branche kann den Laien irritieren. Internationale Holdings investieren hier in ein Bauprojekt oder planen dort eine Shopping Mall. Besonders lokal wirken viele der Projektentwickler dabei nicht. Doch gerade die internationalen Namen nennt die Presse nicht selten bei gescheiterten Vorhaben. Ein Jammer für viele Brachflächen und Leerstände. Ist also doch noch was dran am alten Leitsatz der Lokalität? Gerd Schmelzer und seine Nürnberger alpha Gruppe zumindest entwickeln seit Jahrzehnten sehr erfolgreich Immobilien. Fast alle davon in der Metropolregion.

Text: Julian Menz

Hat dieser Mann goldene Hände? „Nein, natürlich nicht“, lacht Gerd Schmelzer. „Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, sind nur nicht so bekannt, Gott sei Dank.“ Andere – sehr erfolgreiche – sind dagegen wohl bekannt: Das Triumph-Adler-Gelände an der Fürther Straße, die Sebalder Höfe, das Grundig Areal im Osten. Zur langen Liste erfolgreicher Projekte gesellt sich nun eines, dessen Ausgang jeden Nürnberger erleichtert aufatmen lässt: Die wechselvolle Geschichte hinter dem Augustinerhof verdankt ihr Happy End einem regen Geist, der aus Problemen Lösungen macht.

Freiheit findet Gerd Schmelzer schon immer in der Selbstständigkeit. „Für mich hat sich nie die Frage gestellt, ob ich mich einem großen Konzern zuwende“, so Schmelzer. „Ich wollte immer selbstbestimmt leben und entscheiden, was ich arbeite.“ Ein Abstecher von wenigen Monaten zu IBM in seiner Jugend lässt ihn diesen Weg nur entschlossener verfolgen. „Seit den Siebzigern verband man Selbstständigkeit mit Spekulanten oder Glücksrittern“, bedauert er. „Das ändert sich zum Glück wieder.“

Gerd Schmelzer im Gespräch mit Julian Menz.
Bild: Grischa Jäger

Gerd Schmelzer im Gespräch mit Julian Menz.
Bild: Grischa Jäger

Ein klares Ziel vor Augen

Ein bisschen ist ihm die Selbstständigkeit in die Wiege gelegt. Wenige hundert Einwohner zählt das kleine Ketteldorf bei Heilsbronn – sein Geburtsort. „Mein Vater hatte einen Bauernhof und eine kleine Schreinerei. Das Leben war sicherlich hart, aber immer frei.“ Schon als Jugendlicher macht er kleine „Gschäfdle“ und wird während des Studiums zum Unternehmer. Als leidenschaftlicher Fahrer eines dunkelroten 2CV bekommt er mit, dass der ursprüngliche Besitzer die kleine Citroën-Garage aufgibt. Mit einem Freund kauft er das kleine Unternehmen und legt damit in gewisser Weise den Grundstein seiner alpha Gruppe.

„Damals war das noch gar keine Gruppe“, lacht Schmelzer. „Eher eine kleine GmbH mit einer unglaublich optimistischen Namensfindung.“ Ende der Siebziger gründet er mit 28 Jahren die Firma, da sich zufällig ein weiteres Interessensfeld ergeben hat: Immobilien. Anekdotisch wird eines seiner ersten Objekte. Unterhalb des Tiergärtnertors in der Sebalder Altstadt liegt eine alte Gurkenfabrik brach. Ohne Zögern erwerben er und seine Partner das Objekt. Er renoviert, beschwichtigt die Anwohner, die sich über den Gurkengestank ärgern und verkauft es anschließend. „Heute wie damals sind wir eigentlich ein Nischenanbieter“, sagt Schmelzer. „Wir haben uns schon immer an Objekte getraut, die keiner wollte, weil sie mit so vielen Unwägbarkeiten und Komplikationen daherkamen.“

Warum er sich 2015 dem Quellegelände – ein weiteres Problemkind Nürnbergs – nicht annimmt, kann Schmelzer leicht erklären. „Ich war damals ziemlich krank und musste mich entscheiden, ob ich mir und meiner Familie so ein Riesenprojekt antun möchte“, erzählt der Unternehmer. „Große Projekte dauern gut und gern zehn Jahre. Bei der Quelle wusste ich, das kann leicht zwanzig Jahre brauchen, um es ordentlich zu entwickeln.“

Zeit spielt im unternehmerischen Handeln von Gerd Schmelzer eine wichtige Rolle. Den Augustinerhof kauft er 2006 nach einer Zwangsversteigerung. Einem Zeitungsreporter antwortet er damals auf die Frage, was denn seine Pläne für das Areal seien, schlicht: „Ich lasse mich inspirieren.“ Und tatsächlich dauert es elf Jahre, bis die Pläne konkret werden und sich mit der Dependance des Deutschen Museums ein Kristallisationspunkt für das heutige Projekt anbietet.

In der Verkaufsmasse befindet sich auch das Augustinerhof-Modell des Chicagoer Stararchitekten Helmut Jahn. Es steht prominent im Besprechungsraum von Gerd Schmelzer. Der gebürtige Zirndorfer Jahn hatte Anfang der Neunziger ein imposantes postmodernes Werk im Sinn. Mit dem Berliner Sony Center steht an der Schlagader der Bundesrepublik eine seiner Schöpfungen. Letztlich lehnen die Nürnberger das Projekt in einem Bürgerentscheid von 1996 rigoros ab. Erst Gerd Schmelzers alpha Gruppe kann die zentral gelegene Brache in unmittelbarer Nähe zum Hauptmarkt wiederbeleben. Wo internationale Holdings scheitern, ist der Franke umso erfolgreicher.

Das Deutsche Museum im neuen Augustinerhof in Nürnberg.
Bild: Axel Eisele

Das Deutsche Museum im neuen Augustinerhof in Nürnberg.
Bild: Axel Eisele

Gerd Schmelzer ist ein hervorragender Netzwerker in der Region. Probleme beseitigt er soweit es geht auf persönlicher Ebene. „Ökologisch und menschlich muss man so ein Projekt angehen. Und mit Gefühl wiederaufbauen“, sagt Schmelzer. Er hegt eine große Liebe zu alten Gebäuden und besonderer Architektur. Ihn begeistert die Verschmelzung von Ästhetik und Funktionalität, wie sie im Bauhaus vertreten sind. Seinen Prinzipien treu befindet sich der Firmensitz seiner alpha Gruppe im alten Milchhof, 1930 von Otto Ernst Schweizer gebaut. Auf die sorgfältige Renovierung ist Gerd Schmelzer sichtlich stolz.
Seine Freude am Gestalten prägt nahezu jeden biographischen Meilenstein. Wie ein Magnet zieht er Projekte an, die gerade seiner Liebe zum Anpacken bedürfen. Gerd Schmelzer fuchst sich gerne in komplexe Dinge hinein, wächst an und mit ihnen. Auch vor äußerst schweren Aufgaben schreckt er nicht zurück: Acht Jahre lang ist er Club-Präsident – mit 32 – und etabliert die Mannschaft fest in der ersten Liga, qualifiziert sie sogar für den UEFA-Cup.

Die anstehende Eröffnung des Augustinerhofs genießt der Unternehmer. „Wie ein Bergsteiger nach langem Aufstieg, der oben am Gipfel das Brot und das Gselchte rausholt und sich über den Ausblick freut.“ Um Prestige schert er sich dabei wenig. „Darum geht’s mir nicht, dass ich verewigt werde“, sagt Schmelzer. „Es ist schön, wenn man so prominente Objekte machen darf; die Stadt mitgestalten darf.“ Der hohen Verantwortung ist er sich bewusst. „Man steht automatisch auch in der Kritik. Solche Wagnisse machen aber auch stolz. Und dass es bisher gut gelaufen ist, ist auch ganz schön.“

Seit langer Zeit fördert Gerd Schmelzer leidenschaftlich das Kindertheater Pfütze in Nürnberg. Auf der Suche nach Sponsoren lernt er dort Henriette Schmidt-Burkhardt kennen. Beide werden ein Herz und eine Seele – sie nennt ihn nur „Pfützen-Gerd“. Nach ihrem Tod 2014 nimmt Gerd Schmelzer mit Freude und großer Verantwortung ihren Posten der Geschäftsführung des traditionsreichen Lebkuchenherstellers auf.

Nächstes Jahr feiert Gerd Schmelzer seinen siebzigsten Geburtstag. Vor kurzem hat er mit dem Schöller-Gelände am Nordring ein neues Projekt an Land gezogen. „Was genau daraus wird, kann ich noch nicht sagen.“ Auf die Frage, was er denn am liebsten an Nürnberg mag, antwortet er gekonnt lächelnd: „Käsebrot und Wein am Schnepperschütz, sowas kann man nicht bauen.“

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