Goyo Montero

26. November 2020 | Cover

In die Wiege gelegt? Goyo Montero wurde mit der Liebe zum Tanz mit aller Wahrscheinlichkeit bereits geboren. Die Faszination für die Bewegung, die Schwerelosigkeit, kommt nicht von ungefähr: Der 45-jährige gebürtige Spanier stammt aus einer Familie von Profi-Tänzern. Sein Vater war ein berühmter Choreograf und Tänzer, mit besonderem Schwerpunkt auf Flamenco und Spanischem Tanz. Monteros Mutter kennt beide Tanzwelten, den spanischen Tanz wie auch das klassische Ballett, und unterrichtete selbst als Ballett-Pädagogin. Sein Onkel war Solo-Charakterdarsteller beim Spanischen Nationalballett in Madrid, der Heimatstadt Monteros.

Text: Ari Fitzgerald Bilder: Grischa Jäger

Zu unserem Gespräch erscheint der Ballettdirektor und Chef-Choreograph des Nürnberger Staatstheaters in lässigem Schwarz: schwarze Boots, schwarze Hose, schwarze Sweatjacke, dunkelgraues Shirt und dunkle, lachende Augen. Ein Gespräch über das Leben als Profi-Tänzer, über Inspiration, Comic-Helden und Fußball.

„Auch wenn der Profi-Tanz in meiner Familie eine wichtige Rolle spielt, meine Eltern haben mich nie in diese Richtung gedrängt“, sagt Montero. „Sie wollten mich zu einem gebildeten Menschen erziehen. Ich war ein sehr introvertiertes Kind, habe viel gelesen. Mit neun Jahren hat mir meine Mutter meine erste klassische Ballettstunde gegeben. Ich war ein bisschen schockiert“, lächelt Montero bei der Erinnerung. „Meine Mutter, mit der ich sonst so schön gespielt habe, war plötzlich so ungemein ernst.“ Das aber sei die wichtigste Lektion zu Beginn seiner tänzerischen Karriere gewesen, sagt Montero. „Ich musste lernen, mich zu konzentrieren.“

Körperlich habe er nicht die besten Voraussetzungen für einen professionellen Tänzer mitbekommen, so Montero. „Ich habe einfach nicht diesen langen Body. Aber ich bin jemand, der wirklich hart arbeitet und extrem stur ist.“ Das gesamte Leben rund um den Tanz habe eine unglaubliche Faszination auf ihn ausgeübt. „Die Atmosphäre in den Theatern, meine Eltern auf der Bühne tanzen zu sehen – all das hatte etwas Magisches an sich und ich habe mich in dieses Gefühl verliebt.“ Mit 11 Jahren eröffnete er seiner Mutter und seinem Vater, dass er professioneller Tänzer werden möchte. „Tatsächlich ziemlich spät für eine professionelle Karriere. Aber meine Eltern haben mich unterstützt und nach guten Lehrern für mich gesucht.“

Der nächste Schritt zur Choreographie war später nicht weit. Mit der Musik habe er sich schon immer verbunden gefühlt, sagt Montero. Die Choreographie ist für ihn eine visuelle Möglichkeit Musik zu machen. „Ich hatte schon als Tänzer Ideen, wie man etwa mit Licht spielen könnte. 1999 habe ich das erste Mal ein Stück choreographiert und ich wusste: Ich möchte nie wieder etwas anderes machen“, sagt er und die dunklen Augen lachen noch ein wenig mehr bei dieser Erinnerung.

Goyo Montero über seine Leidenschaften.

Goyo Montero und Redakteurin Ari Fitzgerad am Tag des Interviews.

2004, mit 30 Jahren, fasst er den Entschluss, mit dem professionellen Tanzen aufzuhören und sich ganz der Choreographie zu widmen. Er selbst habe es nie bereut, sagt Montero. „Meine Eltern waren zu Beginn etwas traurig, als ich ihnen meine Entscheidung mitgeteilt habe. Als professioneller Tänzer hat man ja sowieso nur eine sehr kurze Karriere, mit Mitte 30 ist sie meist zu Ende. Sie haben es nicht richtig verstanden, dass ich nicht noch die letzten Jahre auf der Bühne genieße.“ Aber mit dem Tanzen habe er ja auch nie wirklich aufgehört. „Ich übe auch als Choreograph mit meinen Tänzern oder tanze zuhause mit meinem Sohn.“

„Ich liebe Kunst. Ich liebe Literatur, ich liebe Bücher. Ich sammle Filme, ich bin fasziniert von visueller Kunst.“ Tanz sei eine wunderbare Kunstform, die all das vereine, schwärmt Montero. Und ein Stück zu erschaffen, es zu choreographieren, erschaffe wiederum die Möglichkeit, all die Visionen und Ideen in eine visuelle Form zu gießen. „Dieser Prozess, in ein Studio zu gehen und nach etwas suchen und daraus etwas Wundervolles zu kreieren ist so erfüllend, ich bin süchtig danach!“

Seine Inspirationen holt sich Montero von anderen Kunstformen. „Ich liebe beispielsweise Filme von David Lynch oder Martin Scorsese, ich bin aber auch ein großer Comic-Fan, ich mag die Avengers und gerade begeistert mich die TV-Show „The Boys“, die ebenfalls nach einer Comicvorlage entstanden ist.“ Bei Lynch etwa fasziniere ihn dessen Spiel mit dem Licht. „Lynch liebt es, Menschen aus der Dunkelheit ins Licht kommen zu lassen. Oder bestimmte Farben zu verwenden.“ Ideen, die sich auf der Bühne wundervoll umsetzen lassen.

„Außerdem mag ich es, Menschen zu beobachten. Ihre Bewegungen, ihre Gesten, ihren Ausdruck… Eigentlich beobachte ich ununterbrochen“, sagt Montero mit einem Lächeln.

Und Inspiration komme natürlich auch immer von anderen. Sofern es seine Zeit zulasse, sehe er sich auch gerne die Werke anderer Choreographen an. Wenn ihn etwas begeistert, dann könne er dieses Gefühl für Wochen mit sich herumtragen, sagt Montero. Natürlich gefalle ihm etwas auch mal nicht. „Dann muss man sich aber bewusst machen, dass es wahrscheinlich der eigene Filter ist und anderen dagegen gefällt.“

Weit über 40 Stücke hat Montero bereits für die Bühne erschaffen. Gibt es ein Lieblingsstück? „Sie sind allesamt wie eigene Kinder. Wenn ich sie mir nach einiger Zeit wieder ansehe, sehe ich ihre Fehler und sehe mich, wie ich daran gearbeitet habe“, so Montero. „Und das liebste Kind ist immer das letzte!“

Hier steht die Bildunterschrift.

Seit der Spielzeit 2008/2009 ist Goyo Montero 
am Staatstheater Nürnberg.

Für sein absolutes Lieblingskind, seinen siebenjährigen Sohn wünscht er sich eigentlich nur eines: „Ich möchte, dass er glücklich ist. Man kann jetzt schon sehen, dass er hochmusikalisch ist. Wenn er ein Tänzer werden möchte, werde ich ihn natürlich unterstützen, wo ich nur kann, aber lieber wäre es mir, wenn er Musiker werden möchte. Musik und Tanz sind untrennbar miteinander verbunden. Seit es Musik gibt, gibt es Tanz. Als Musiker hat man nicht so eine kurze Karriere.“

Zurzeit sei die allergrößte Leidenschaft seines Sohnes allerdings Fußball, lacht Montero. Und so steht der Choreograph derzeit ziemlich oft auf einem Fußballplatz und kickt mit seinem Sohn um die Wette. „Das hätte ich mir tatsächlich nicht träumen lassen. Manchmal bin ich ein bisschen neidisch auf den Effekt, den Sport auf Menschen hat. Das schafft Tanz nicht.“ Und natürlich würde er seinen Sohn auch unterstützen, wenn er sich für eine Fußballkarriere entscheiden würde.
Dass er selbst einmal fern seiner Heimat Madrid in Nürnberg landen würde, hätte er sich einst ebenfalls nicht träumen lassen. „Nürnberg hat sich für mich entschieden“, lächelt Montero. Ex-Intendant Peter Theiler habe seine Inszenierung von Dornröschen gesehen und ihm danach die Stelle als Ballettdirektor und Chef-Choreograph am Staatstheater in Nürnberg angeboten. Seit der Spielzeit 2008/2009 ist der Spanier nun in Franken. „Die Zeit fliegt. Ich war niemals zuvor so lange an einem Ort. Deutschland ist einer der besten Plätze für Kulturschaffende. Ich habe mich als Künstler hier immer unheimlich unterstützt gefühlt.“

In drei Jahren läuft sein Vertrag aus. Ob er sich noch einmal für Nürnberg entscheidet, wenn ihm ein neuer angeboten wird, kann Montero nicht beantworten. „Diese Entscheidung wird eine der wichtigsten meiner Karriere sein. Bleibe ich weiter in Nürnberg, habe ich die längste Zeit meiner Karriere hier in Franken verbracht.“ Noch sei aber ein wenig Zeit bis dahin. „Vor kurzem hat mich das Leben wieder einmal gelehrt, dass man nicht planen kann. Man muss den Moment genießen. Aber ich bin glücklich hier. Und solange mich meine Arbeit erfüllt, bleibe ich.“

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