Hinter dem Erlebnis

10. Juni 2020 | Cover

Abseits des Alltags erleben wir unsere Kultur in Clubs und zelebrieren Musik und Events. Wer eine Stadt verstehen will, muss die Zauberer hinter dem Vorhang begreifen: eine Begegnung mit Matthias Hauer.

Text: Tibor Baumann

Wenn Matthias Hauer momentan mal keine Zeit mit seinem 8-jährigen Sohn verbringt, treiben ihn die vielen Ideen und Projekte an und um. Seitdem die Pandemie seinen bisherigen Rhythmus, die Einkünfte und Planungsmöglichkeiten aufgelöst hat, versucht der kreative Kopf neue Perspektiven zu entwickeln. Und geht ganz nebenher die Liste der Projekte durch, die er eben schon immer mal machen wollte. Eines trug er schon lange mit sich herum: einen eigenen Kontrabass bauen! Und das kommt nicht 
von ungefähr: „Ich habe den Kontrabass schon früh entdeckt, aber ich liebe eben auch Konzepte umzusetzen“, erzählt er und fügt lächelnd an: „Ich bin eben vielschichtig.“ Mit diesem Instrument beginnt für ihn alles in der Schule. Unterstützt von seinem mittlerweile verstorbenen Opa, der bei den Bamberger Symphonikern Geige spielte, merkte Hauer aber schnell, dass er zwar die Auftritte, die Bühne liebt, aber nicht in den engen Rahmen eines Hausensembles passt.

Der gebürtige Erlanger ist ein gutes Beispiel für jene Menschen, die das nächtliche Szenegeschehen abseits von Besitzern und Firmen prägen. Matthias Hauer ist ein kreativer Kopf hinter Events. Seine Veranstaltungen prägen die Szene. Er, der bei den meisten als „Haui“ bekannt ist, hat eine funktionierende Kreativ-Karriere aufgebaut, die sich aus seinen Veranstaltungen, seinem Beruf als freier Grafikdesigner und seinen Bandprojekten zusammensetzt.

1996 gründet er die Band „La Boum“. Inspiriert von dem französischen Filmklassiker, spielen sich Hauer und seine Bandkollegen durch die unterschiedlichsten Clubs und Länder. Vom Straßenauftritt auf dem Bardentreffen bis hin zu Großauftritten – die Band hat schon einiges gesehen. Mit dem Bandprojekt „The Solitaries“ erweitert der Künstler sein Musikspektrum weiter und fügt dem Twang-Polka einen Tarantino-Musik-Stil hinzu. 2001 schließt er erfolgreich seine Ausbildung zum Werbegrafiker ab. Der kreative Beruf führt ihn durch verschiedene Agenturen der Metropolregion bis er sich schließlich selbstständig macht. „Ich war durch die Ausbildung direkt im Berufsleben, habe verstanden was es heißt nicht Künstler sondern Dienstleister zu sein. Die Arbeit als Grafikdesigner erdet mich“ erklärt er.

Er wird zu einem Ein-Mann-Betrieb auf verschiedenen Ebenen und fügt eine weitere in seinem Abschlussjahr hinzu: „Es war ein Experiment – kann man als selbstständiger DJ leben? So hat sich das Standbein entwickelt, dass eben auch mein Hobby zum kreativen Beruf gemacht hat.“

Hauer kreiert Veranstaltungen und schafft einige Events, die zum festen Bestandteil der Szene rund um die Klaragasse werden: Mit der Indie-Veranstaltung „Go-Gitarre-Go“ hat er ein sich seit 16 Jahre haltendes Event ins Leben gerufen, das als festes Venue den „Club Stereo“ mit Leben füllt.

Bild: Grischa Jäger

Bild: Grischa Jäger

„Ungefähr alle drei Jahre gibt es einen Generationswechsel. Das merkt man am Style, an der Musik, am Verhalten. Ich nehme das ernst. Einmal die Woche beschäftige ich mich mit Indie-Musik und was die Leute gerade auf die Tanzfläche bringt“, erzählt Hauer von seiner Arbeit.

Der kreative Kopf erfindet sich aber auch immer wieder neu. So wie im Herzensprojekt „Zirkus Beretton“, der Electro-Swing Reihe, in dessen Namen er die Hommage an den französischen Film fortführt und selbst als Zirkus-Direktor und DJ unter dem Namen „Matthieu Beretton“ auftritt.

„Ich wollte einfach noch etwas ganz anderes machen. Es sollte interaktiv, ein Erlebnis sein“, erzählt der Musiker begeistert. Das Besondere ist, dass die Gäste hier nicht nur Musik, Tanz und Party erleben. Die Veranstaltung lässt die Feiernden durch eine wilde Mischung aus Accessoires, darstellendem Personal, besonderen Drinks und dem Charme der Electro-20er in eine eigene Welt abtauchen. „Ich habe Zirkuszelte in Clubs gestellt, habe verkleidete Mitarbeiter, Zauberer und allerlei mehr womit ich den Zirkus zum Leben erweckt habe“, erzählt er von seinem Konzept „Zirkus Beretton“. Das Konzept geht auf – seit 10 Jahren.

Diese Liebe zur Veranstaltung überträgt er mittlerweile auch buchbar auf Hochzeiten oder andere Events: „Es ist einfach toll, bei besonderen Ereignissen, wie Hochzeiten, ein unvergessliches Erlebnis nach den Wünschen der Menschen zu kreieren.“

Das Lebensmodell bedeutet für Hauer zwischen Verdienst und den künstlerischen Wunschprojekten immer wieder ein Gleichgewicht herzustellen und die Einnahmen auf die verschiedenen Bereiche zu verteilen. Die Mischkalkulation geht auf.

Das Angebot, das Matthias Hauer zum nächtlichen Erleben in Nürnberg und der ganzen Metropolregion beiträgt ist mit dem Lockdown, wie das nächtliche Erleben selbst, zum Erliegen gekommen: „Es stand viel an. Für die Frühlingsmonate mehrere Veranstaltungen. Mit den Bands mehrere Konzerte. Auf eines hier in Nürnberg in der „Weinerei“ hatten wir uns besonders gefreut. Auch das 10-jährige Jubiläum des „Zirkus 
Beretton“ stand an. In vielen Bereichen lief auch die Promotion schon. Plakate gedruckt, Flyer verteilt – aber jetzt: alles gecancelt.“ Und auch seine Aufträge als Grafikdesigner sind spürbar weniger geworden. „Ich habe den Shutdwon aus meiner Perspektive von 100 auf Null miterlebt. Das hat mich schon erschüttert. Trotzdem gehöre ich zu denen, die sich erst einmal gut über Wasser halten können“, berichtet er.

Aber das wird nicht ewig funktionieren. Und das kulturelle Erleben ist weder für die freudigen Besucher von Events, Konzerten und Clubs noch für die davon lebenden Kreativen wie Matthias Hauer auf Dauer ins 
Netz verlegbar.

Bild: Zoe Jungmann

Bild: Diana Scharin

„Ich erlebe die Angebote im Netz, die Live-Streamings von Veranstaltung und Konzerten als etwas inflationär. Und ich denke auch, dass den Leuten klar wird, dass es eben nicht das echte Leben ist“, gibt Hauer zu bedenken. „Andererseits geht es auch einfach darum nicht vergessen zu werden. Das ist wichtig, auch für mich. Der Aufwand den ich jetzt für meine Streaming-Partys betreibe ist unverhältnismäßig. Aber ich habe viele andere Menschen mit im Boot, die ich einfach auch unterstützen 
möchte“, sagt er.

Die Rettungsschirme der Bayerischen Landesregierung lassen bei Menschen aus dem Kreativbereich zusätzliche Fragen entstehen. Vor allem darauf ausgelegt Betriebe zu fördern fallen Ein-Mann-Unternehmen im Kreativbereich schlicht unter den Tisch. Die Ausgaben, die der Musiker hat um seinen Betrieb am Laufen zu halten, sind eben jene, die ihn am Leben erhalten. Hauer ist der Betrieb. Das ist aber in der Systematik von Förderungen ja schon in Zeiten ohne Krise kaum vorgesehen. Über die Frage danach, was nun gilt und was nicht, entsteht hier mehr Unsicherheit als über die Situation selbst.

Trotzdem erlebt Matthias Hauer „in Nürnberg eine große Solidarität der Menschen“. Das betrifft natürlich die Clubs und Orte einerseits, aber die Menschen sind sich bewusst darüber, dass das vielfältige, bunte Erleben der Stadt von jenen abhängig ist die es gestalten.

Und es stellt sich nicht nur die Frage nach der Momentaufnahme. Es geht insgesamt um eine langfristige Perspektive, die Frage danach, wie sich das gemeinsame Erleben weitergestalten lässt. 
„Bereiche, die man für Selbstverständlich gehalten hat, werden sich verändern“, denkt er und gibt zu bedenken: „Es wird Hilfe nötig sein, um vieles zu retten. Nürnberg bewirbt sich als Kulturhauptstadt – dazu gehört eben auch dieses 
vielfältige Leben, die unterschiedlichen Clubs, Kneipen, Bars und Angebote. 
Dafür wird sich eingesetzt werden 
müssen“.

Es ist wie mit dem Bass: Das Gute ist, dass Matthias Hauer weiterbaut. Und so klar wird, dass egal welche Einschränkungen entstehen oder wie sehr sich eine Kultur anpassen muss, diejenigen, die all das herstellen und prägen nicht aufhören werden. Unterstützung und neue Denkweisen sind aber gefordert, um am Ende den Bass wieder auf die Bühne zu bringen.

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