Hombre SUK: Graffitikünstler Pablo Fontagnier

21. April 2023 | People

Seit 1981 zieht das Südstadtfest, Nürnbergs größtes Stadtteilfest, die etwa 80.000 Besucherinnen und Besucher jedes Jahr in den Annapark und bietet ein multikulturelles Programm. Ein Sammelpunkt guter Ideen, in denen Stadtentwicklung, Kultur und soziale Projekte stets neue Akzente erfahren. Solche Akzente setzt auch Pablo Fontagnier, der seit zehn Jahren die Südstadt sein Zuhause nennt und als Graffitikünstler Hombre SUK die Burg, das Wahrzeichen der Stadt, bei der Blauen Nacht 2023 illuminieren wird.

Text: Daniel Wickel Titelbild: Grischa Jäger

Der Duft von frischer Pasta, knackigen Pizzen und cremigem Cappuccino weht durch das Atelier von Pablo Fontagnier. Er ist direkter Nachbar des Comic-Cafés Ladida, bei dem er gemeinsam mit Felix Pensel die im letzten Jahr eröffnete Szenegastronomie gestaltet hat. „Klar supportet man sich gegenseitig“, erzählt Pablo, der sich gern eine Pizza bei den Nachbarn bestellt und von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern sowohl Hoodies, T-Shirts als auch Caps kauft. „Ich habe eine große Kiste mit Shirts, wo ich aber in keines wirklich reinpasse. Eher Spice-Girls-Edition, bauchfrei mit Knoten vorn“, lacht der 41-jährige Künstler, den man mit seinen etwa zwei Metern nicht übersehen kann. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Mikis wächst Pablo Fontagnier in Baden-Württemberg auf, widmet sich Mitte der 90er Jahre der Farbdose, entwickelt seinen unnachahmlichen Cartoonstil und lebt seit 2013 mit seiner Familie in der Nürnberger Südstadt.

Helden der Kindheit

„Fontagnier kommt historisch von den Hugenotten, allerdings ohne heimlich ein Chalet in Südfrankreich zu besitzen“, schmunzelt Pablo über seinen Namen, der oftmals schon Türöffner in der Kunstwelt war. „Meine Eltern, beide späte 68er, waren Anhänger von Neruda und Picasso. Die unter 30-Jährigen assoziieren den Namen eher mit Escobar“, erzählt er augenzwinkernd. Für ihn als Kind der 80er Jahre, der einen gebrauchten Fernseher mit Drehknopf besaß, waren Turtles und Kirk mitunter die Helden der Kindheit. „Cartoonserien und amerikanische Comics haben mich fasziniert und inspiriert. Mein Super Nintendo mit der 16 Bit Grafik war damals fantastisch, hatte noch diesen Oldschool-Charme. Dieses Spiel von Licht und Schatten beeinflusst meine Kunst noch heute“, verrät Pablo Fontagnier. Sein Herz gehört von Klein auf der Kunst. „Mein Bruder und ich haben in den Sommerferien Kunstangebote genutzt und uns austoben können“, strahlt er „Welches Kind findet das nicht großartig, wenn man sich kreativ ausleben kann?“ Mittlerweile gibt er selbst Kurse und bringt Kindern und Erwachsenen das Sprayen näher.

hombre suk

Pablo über sein nächstes Projekt und die Leidenschaft zu seiner Arbeit.
Bild: Grischa Jäger

hombre suk spraydosen

Pablo widmet sich Mitte der 90er Jahre der Farbdose.
Bild: Grischa Jäger

Reichweiten

„Ich habe über das Jahr verteilt nur die Hälfte der Wochenenden mit meinem Sohn. Und Einladungen für Veranstaltungen sind meistens am Wochenende“, erzählt Pablo Fontagnier von der Vereinbarkeit von Job und Familie. „Aber hey, der Kleine geht immer vor, und ich habe eine sehr liebe Frau zuhause, die mich in meinem Schaffen unterstützt.“ Sein Sohn begleitet ihn aber auch zu verschiedenen Events, und natürlich sieht er auch das Ergebnis des kreativen Prozesses. „Wir gehen Burger essen, und in neun von zehn Fällen ist der Papa an der Wand“, schmunzelt er. „Und natürlich findet der Kleine das auch cool, dass ich Wände bemale und den ganzen Tag in Jogginghosen rumlaufen kann.“ Viele Erwachsene können jedoch nicht ganz greifen, was ein Graffitikünstler tut, und es kommt schon mal die Frage auf, was er denn eigentlich beruflich neben seinem Hobby mache. Nahezu 95 Prozent seiner Kunden, die nicht aus Nürnberg kommen, fragen den Künstler über Instagram an. Dort hat er mittlerweile etwa 125.000 Follower, auch wenn Kunst und Graffiti im Speziellen eine begrenzte Klientel haben. „Eigentlich wäre es besser, wenn ich bei Instagram Videos produziere, wo ich koche, mich schminke oder schwere Dinge hochhebe“, witzelt der Sprayer. Stattdessen setzt er sich mit seiner digitalen Reichweite gegen Krieg und Rassismus ein, unterstützt Charityprojekte und sammelt mit seinen Prints Geld für soziale Projekte. „Ich habe es früher immer weit von mir geschoben, politisch zu sein, aber kein normaldenkender Mensch kann Rassismus geil finden. Wir leben 2023 in einer Zeit, in der du dir Neutralität eben nicht erlauben kannst“, gibt er zu bedenken.

Kunst auf Rädern

Die ersten Jahre in der Noris tut sich der Künstler schwer. Er wohnt in der nördlichen Altstadt, zig Touristen und fehlende Einkaufsoptionen prägen die Situation. Erst der Umzug in die multikulturelle Südstadt bringt ihm die Metropole näher. „Nürnberg ist ein Zuhause geworden. Meine Heimat bleibt aber Mannheim, eine Arbeiterstadt, die das Herz auf der Zunge trägt“, erzählt er. „Ich verstehe jeden, der eine Woche nach Mannheim kommt und die Stadt erstmal Mist findet. Mein Rat an Touris: Geht nach Heidelberg“, lacht er. 2019 bemalt Pablo Fontagnier in seiner alten Heimatstadt einen Bücherbus – in knalligem Feuerrot und verziert ihn mit einem lesenden Krokodil, mit Steinbock und Pelikan. In Nürnberg hingegen ist die rollende Bücherei seit knapp zwei Jahren hellblau und mit drei verträumt lachenden Kindern zu sehen. Der Ende 2020 ausgerufene Wettbewerb „Street Art auf Rädern“ der Stadt Nürnberg war Teil der Feierlichkeiten zum 650. Jubiläum der Stadtbibliothek. Das „bookmobile“ der US-Militärregierung wurde Ende der 50er Jahre der damaligen Volksbücherei überlassen, war seither in den verschiedenen Stadtteilen Nürnbergs unterwegs und machte Wissen und Bildung für Groß und Klein im Stadtgebiet zugänglich. Die Figuren sind dem jungen Neil Armstrong, Martin Luther King sowie Amelia Earhart nachempfunden und schlagen geschickt die Brücke zum US-amerikanischen Ursprung des Bücherbusses. „Die kindliche Darstellung soll zudem symbolisieren, dass Träume wachsen müssen und dass wir uns in unserem Alltag nicht auch das kindliche Träumen aberkennen lassen“, erzählt er bei den Feierlichkeiten.

hombre suk atelier

Blick in das Atelier in der Nürnberger Südstadt.
Bild: Grischa Jäger

hombre suk spruch

Pablo unterstützt Charityprojekte und sammelt mit seinen Prints Geld für soziale Projekte.
Bild: Grischa Jäger

Träume werden lebendig

Davon, dass er in diesem Jahr bei der Blauen Nacht die Nürnberger Burg illuminieren wird, hat er nicht zu träumen gewagt. „Ich habe von der Stadt eine Direct Message auf Instagram bekommen und dachte, die wollen einen Workshop machen, als ich zum Termin bin. Ich war völlig baff, dass das Kulturbüro Bock hat auf das, was ich tue“, verrät der Künstler „Klar habe ich Respekt vor der Veranstaltung, und natürlich ist das eine Riesenehre für mich.“ Ihm ist klar, dass es Menschen geben wird, die das nicht schätzen, was er tut und Graffitis nicht als Kunst im klassischen Sinne sehen. Aber genauso ist die Blaue Nacht eine Chance, die Kunstform in ein anderes Licht und in die Öffentlichkeit zu rücken. „Tatsächlich gibt es in Nürnberg eine sehr lebendige Streetartkultur. Die Altstadt ist schwierig, mit Denkmalschutz und Sandsteingebäuden. Aber geh mal nach Langwasser oder Gostenhof“, erzählt er begeistert. Neben dem städtischen Projekt plant er eine eigene Kollektion mit einem Brillenhersteller, und Jobs in der Gastronomie begleiten ihn ebenfalls in den kommenden Monaten. „Nach all den Bildern von Burgern und Waffeln hätte ich auch mal voll Bock auf Sushi-Rolls“, lacht er, wohlwissend, dass sicher weitere Restaurants dazukommen, in die sein Sohn gemeinsam mit ihm in Jogginghosen zum Essen gehen wird.

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